Die Natur braucht im Moment vor allem eines: Wasser.
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BerlinMeine Freundin Isabel wohnt neben dem Alten Garnisonfriedhof in Mitte. Sie macht sich Sorgen. Nicht wegen Corona, nicht wegen der Wirtschaft, sondern wegen der Trockenheit. Sie hat in den vergangenen Tagen Kannen voller Wasser rübergeschleppt auf den Friedhof und damit die Bäume gegossen. Dass die Spaziergänger auf dem Friedhof sie dabei komisch angeschaut haben, war ihr egal.

„Corona, Corona, Wirtschaft, Wirtschaft“, sagt Isabel, „andere Themen werden da gerade völlig vergessen.“ Sie hat beim Gießen keine Milchmädchen-, sondern eine Wassermädchen-Rechnung aufgemacht: „Wenn an einem Tag 150 Menschen im Park spazieren gehen und jeder von ihnen nimmt im Rucksack oder im Kinderwagen einen Liter Wasser mit, um einen der jungen Bäume zu gießen, dann wäre viel geschafft. Einen Liter Wasser aus der Leitung kann sich doch jeder leisten, zumal viele Berliner einen Brauchwasserhahn haben.“

Noch cooler fände sie es, wenn eine Bürgerinitiative entstehen würde. Eine, die Zettel an die Bäume pinnt, auf denen steht: „17. April, ein Liter, Max – 21. April, ein Liter, Uta – 23. April, ein Liter, Lennart“. So was in der Art. „Man sieht ja gerade: die Gesellschaft braucht eine Bedienungsanleitung für ein besseres Leben“, sagt Isabel.

Auf ihrem Balkon brütet ein Kohlmeisen-Paar. Dort hat sie eine Müslischale mit Wasser aufgestellt. Nicht nur die Meisen, auch Spatzen, Amseln, Eichelhäher und Tauben planschen darin und trinken. „Könnte doch jeder machen, eine Schale mit Wasser auf den Balkon stellen“, sagt Isabel. Die Trockenheit in der Stadt ist heftig, in Brandenburg bedroht sie Feld und Wald. Selbst die anspruchslose märkische Kiefer wartet saft- und kraftlos auf den Regen. Nicht nur die alten Bäume kämpfen, auch die jungen sind bedroht. In einem Monat 3,5 Liter Regen pro Quadratmeter reichen nicht zum Gedeihen.

„Stell dir mal vor, wenn 4,5 Millionen Menschen in Berlin und um Berlin herum jeder ein Liter Wasser für die Hecke, den Baum oder die Grünpflanze im eigenen Hof spendieren würde, wie viel Wasser das wäre“, meint Isabel.

Beim zuständigen Grünflächenamt in Mitte gießt vermutlich wegen Corona keiner den Garnisonfriedhof, und es geht auch keiner ans Telefon. Dabei gibt es sicher viele Isabels, die gern mit dem Amt kooperieren würden, um den Lebensraum für Pflanzen und Tiere zu erhalten.

Isabel hat die Menschen im Park beobachtet, die draußen sind, um die Sonne zu genießen und in Corona-Zeiten mal den Himmel zu sehen. „Schade, dass die Leute, die im Park rumhängen, gar nicht merken, was die Bedürfnisse der Lebewesen um uns herum sind“, sagt Isabel. „Viele von ihnen kommen mit ihrem Coffee to go.“ Vielleicht könnten sie beim nächsten Besuch auf der Stadtwiese ja an die Bäume denken, die Käfer, die Vögel, auch an Isabel – und zusätzlich zum Latte macchiato to go einen Eimer „Water to water“ mit in den Park nehmen?