Es gibt viele Bezeichnungen für Mütter: Rabenmütter, Ökomütter, Yogamütter, Kampfmütter, Latte-Macchiato-Mütter, Helikopter-Mütter, Teilzeit-Mütter, Löwenmütter. Neuerdings ist die „working mom“ dazu gekommen, was man als „berufstätige Mutter“ übersetzen kann. Dass eine Frau mit Kind auch einer Erwerbsarbeit nachgeht, ist offenbar so ein Kuriosum, dass dafür extra ein Wort erfunden werden musste.

Zu den Neuzugängen gehört auch die Milf, eine Abkürzung aus den englischen Worten „mother I’d like to fuck“. Es beschreibt eine Frau, die viel Sex hat, ein bisschen verrucht ist und gleichzeitig eine Mutter, die alles im Griff hat. Der Begriff wurde 1994 an amerikanischen Colleges zum ersten Mal benutzt und fand über die Film- und Pornoszene seinen Weg in den Sprachgebrauch. Er ist ein neues Wort für ein altes Phänomen – dass viele Frauen versuchen, es dem Mann im Bett recht zu machen.

Eine Mutter steht unter Beobachtung

Das sind alles Begriffe, die Mütter kategorisieren, einteilen und bewerten. Die Mutter steht unter Beobachtung, wie sie es macht, wie sie auftritt, wie viel sie arbeitet – all das immer kommentiert. Das beginnt lange, bevor ein Baby geboren ist. Frauen, die kein Kind haben, werden gefragt, wann sie eins bekommen. Wenn sie schwanger sind, werden sie beäugt: Ist der Bauch zu klein, zu groß? Isst sie etwa Salami oder trinkt Kaffee? Wenn sie dann ein Kind haben, werden sie gefragt, wann das nächste geplant ist. Eine Berliner Politikerin, Mutter eines Kleinkindes, berichtete, dass sie auf Empfängen öfter von ihr unbekannten Männern gefragt wurde, ob denn ein zweites Kind geplant sei.

Was ist mit den Vätern? Väter sind Väter, egal, ob sie viel oder kaum Zeit mit ihrer Familie verbringen. Es gibt Teilzeitväter, damit sind aber nicht die gemeint, die Teilzeit arbeiten, sondern solche, die ihre Kinder im Wechselmodell betreuen. Es gibt den Landesvater, das Vaterland, den Vater Staat. Der Vater, das macht die Sprache deutlich, ist die Stütze der Gesellschaft. Es redet niemand vom berufstätigen Vater, denn er ist die Norm.

Ein Drittel aller Mütter arbeitet Vollzeit

Nun werden manche einwenden, dass sich doch in den vergangenen Jahren viel geändert habe. Väter wechseln auch Windeln, schreiben in ihre Twitter-Profile das Wort „Vater“ und nehmen sogar zwei Monate Elternzeit. Doch um Väter zu beschreiben, die von der Norm abweichen, werden Zusätze gebraucht. Anders als bei den Müttern sind die Zuschreibungen eindeutig positiv – aktiv zum Beispiel, offensiv oder modern. Als Sigmar Gabriel, damals noch SPD-Minister, mit krankem Kind drei Tage zu Hause blieb, wurde das vom Spiegel als „offensive Vaterschaft“ gelobt. Als die SPD-Ministerin Manuela Schwesig mit Baby zu Hause blieb, schrieb dasselbe Blatt, sie habe ihr Ministerium nicht im Griff. 

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich an den Rollenmodellen groß etwas ändert oder dass Änderungen auch nur erwünscht sind. Väter arbeiten mehr als Männer ohne Kinder, zeigen neue Zahlen des Statistik-Amtes. 94 Prozent von ihnen arbeiteten 2017 Vollzeit. Ein Drittel aller Mütter arbeitet Vollzeit, bei Müttern von Kindern unter drei Jahren sind es nur zehn Prozent. Alles wie immer. Papa zeigt der Familie, wie toll er sie findet, indem er Geld ranschafft. Mama hält Kind, Haus und den eigenen Körper tipptopp. Die klassische Rollenverteilung scheine beide Geschlechter zu erfüllen, sagt der Soziologe Martin Schröder. Wer will schon Karrieremutter sein.