Berlin - Zwei Sätze sind es, die seit dem grausamen Anschlag auf fröhliche Besucher des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz immer wieder fielen. Zwei Sätze, die, wenn alles gut geht, zum Leitfaden einer klugen Debatte über die Lage im Land werden können. Der erste Satz lautet: Es gibt keine absolute Sicherheit. Der zweite: Wir lassen uns unsere freiheitliche Art zu leben nicht nehmen.

Diese beiden Sätze umreißen den Konsens der Demokraten in unserem Land. Sie einen alle Parteien mit Ausnahme der Partei, die glaubt, aus Toten politischen Profit schlagen zu können. Sie einen auch einen Großteil der Bürger, die sich trotz des Anschlags in ihrem Land überwiegend sicher fühlen. In Berlin herrschte in diesen Tagen weitgehend stille, nachdenkliche Gelassenheit.

Politik hat Anstand bewiesen

Diese Gelassenheit war vielleicht auch deshalb möglich, weil die Politik etwas Erstaunliches zuwege gebracht hat. Sie hat innegehalten, sie hat sich erschüttern lassen, sie hat Anstand bewiesen.

Und jetzt? Von den nächsten Wochen wird viel abhängen. Sie werden zeigen, ob aus dem Zusammenstehen der ersten Tage etwas Dauerhaftes werden kann. Sie werden auch zeigen, ob hinter den Überschriften über die Sicherheit und unser freies Leben eine gemeinsame Haltung steht. Es ist ein kleines Zeitfenster, das der Politik jetzt zur Verfügung steht, ein Zeitfenster unter erschwerten Bedingungen des heraufziehenden Wahlkampfs.

Was wäre sachgerecht?

Es gibt viel Anlass zu Pessimismus. Denn es wäre das erste Mal, dass sich die Parteien nach einer solchen Bedrohung aus der Logik eines Überbietungswettbewerbes der drastischen Maßnahmen lösen und sachgerecht diskutieren. Was wäre wirklich sachgerecht? Vor allem, dass man die Dinge auseinanderhält. Dass man den Terror nicht mit der Asylpolitik und die Asylpolitik nicht mit Einwanderungspolitik und alles gemeinsam nicht mit dem Thema Integration vermischt.

Nehmen wir mal Horst Seehofer. Er ist ein großer Vermischer. Er sagte schon am Morgen nach dem Attentat, man müsse jetzt die Asylpolitik und die Sicherheitspolitik grundsätzlich neu justieren. Er sagte das ohne Analyse, ohne Wissen, aus reiner Rechthaberei. Wir werden womöglich erleben, dass unter den schönen Überschriften über Sicherheit und freiheitliches Leben je nach Partei Gegenteiliges steht. Mehr Videoüberwachung, keine Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, keine Vorratsdatenspeicherung, längere Abschiebehaft, keine Abschiebehaft – die Liste kann verlängert werden.

Verzicht auf Profilierung

Wie entflieht man diesem reflexhaften Verhalten? Es gibt nur einen Weg. Die Parteien müssten nun auf parteipolitische Profilierung zu verzichten. Sie müssten sich verhalten wie gute Ärzte. Sie müssten fragen: Was ist? Und dann: Was hilft?

Vielleicht werden wir überrascht, vielleicht ist die Erschütterung der Politik nicht nur eine, die nachlässt, wenn Schmerz und Trauer vergehen. Vielleicht durchbrechen sie die eingeübte Logik und verstehen, dass auch dies ein Ziel der Terroristen ist: Dass wir uns uneins sind und damit schwach. Aber verlassen wir uns nicht auf die Klugheit der Politik. Sortieren wir die Dinge selbst und vor allem: Lassen wir uns keine vermeintlich schnellen, wirkungsvollen Maßnahmen aufschwatzen, die sich dann als politische Placebos herausstellen.