In diesem Tagen kreuzen sich zwei Nachrichten aufs Seltsamste. Wir sind in Kreuzberg. Im neuen Hotel am Oranienplatz wurden die Scheiben eingeschlagen. Nein, nicht eingeschlagen, kaputt geschlagen. Offenbar handelt es sich um sehr gutes Sicherheitsglas, das nicht springt.

Jetzt prangen spinnenförmige Muster auf den Erdgeschossfenstern, hinter denen die Besucher der Lounge kaum noch zu erkennen sind. Die behutsam restaurierte Sandsteinfassade wurde mit Farbbeuteln attackiert. Soweit bekannt ist, haben sich die Bürgermeisterin oder ein anderer Vertreter des Bezirks dazu nicht geäußert.

Erwünschte und unerwünschte Bewohner

Die zweite Nachricht: Im Museum Kreuzberg in der Adalbertstraße, keine fünf Minuten vom Hotel entfernt, wird jetzt mit Unterstützung des Bezirksamts eine Ausstellung eröffnet, die das Leben der Drogendealer im Görlitzer Park dokumentiert – neutral ausgedrückt.

Die Ausstellungsmacher scheinen ganz begeistert von diesen Menschen. Sie würden „unerschrocken und tapfer“ im öffentlichen Raum arbeiten. Die Bezirksbürgermeisterin ergänzt: „Der Drogenhandel in Parks ist Teil der Lebensrealität der Bürger*innen in Friedrichshain-Kreuzberg“.

Warum gehören diese Meldungen zusammen? Sie dokumentieren auf erschreckende Weise eine Haltung, die alle Grundsätze verantwortlicher Politik missachtet. Es gibt offenbar in Kreuzberg erwünschte und nicht erwünschte Bewohner. Menschen, die man im Blick hat, und andere, die man ignoriert. Menschen, die dazugehören sollen, und andere, deren Anwesenheit im Kiez man nicht verhindern konnte.

Angriff auf zentrales Gebäude des Kiezes

Der Stadtrat für Bau- und Wohnungswesen hat anlässlich der Eröffnung des Hotels am Oranienplatz gesagt, es sei ein „Baustein der Gentrifizierung“. Das ist nicht nur Unsinn, sondern auch eine Aufforderung an alle, die Gewalt nicht scheuen. Und so ist es gekommen.

In der unseligen Tradition der „Kübelattacken“ der 80er-Jahre wird ein Investor bekämpft, der sich nicht im Mainstream des gewünschten Milieus bewegt. Dass dieser ein zentrales Gebäude des Kiezes wunderbar saniert und darüber hinaus Arbeitsplätze geschaffen hat, interessiert nicht. Die Angreifer sind sich offenbar der klammheimlichen Freude der grün-linken Dominanz im Rathaus Kreuzberg sicher.

„Drehen wir alle am Rad?“

1987 waren es „Autonome“, die Restaurants in Kreuzberg – das Maxwell in der Oranienstraße, das Auerbachs in der Köpenicker Straße, das Exil am Paul-Lincke-Ufer – mit Fäkalien, Steinen, Farbbeuteln attackiert hatten mit dem erklärten Ziel, die Wirte aus dem Kiez zu vertreiben. 30 Jahre ist das her. Auch damals hatte Kreuzberg einen grünen Bürgermeister.

Was nun die Dealer vom Görlitzer Bahnhof betrifft: Da handelt es sich um arme Teufel, an deren Biografien nichts Beneidenswertes ist. Ihre „Migrationsrouten“, die die Ausstellung beschreiben will, ähneln Todesmärschen.

Und natürlich sind die Dealer nicht das Problem. Das Problem sind aber auch nicht die Konsumenten, wie die Bürgermeisterin vermutet. Das Problem ist eine internationale Drogenmafia, die sich dieser Leute bedient, sie schamlos ausbeutet und wahrscheinlich versklavt. Den Dealern ist nicht geholfen, wenn sie in einer Ausstellung als Helden des Alltags glorifiziert werden. Hier werden die Auswüchse internationaler Kriminalität verschleiert. Die Bürgermeisterin hat neulich auf Twitter die Frage gestellt: „Drehen wir alle am Rad?“ Das ist tatsächlich die Frage.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, dass die Bezirksbürgermeisterin ganz begeistert von den Dealern sei. Sie würden „unerschrocken und tapfer“ im öffentlichen Raum arbeiten. Dies ist falsch, vielmehr sagen dies die Ausstellungsmacher. Wir haben die entsprechende Stelle aktualisiert. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.