Verglichen mit München oder Frankfurt verfügt Berlin über breite Straßen, dennoch herrscht hier – nach neuesten Messungen – mehr Stau als in anderen deutschen Städten. Stau macht Autofahrer aggressiv. Ebendeshalb ist die Anzahl der Verkehrstoten in Berlin von 36 (2017) auf 45 (2018) Menschen – also um satte 25 Prozent – gestiegen.

Obszön ist die Ausrede, die Fahrer abbiegender Lastwagen töteten wegen eines angeblichen „toten Winkels“ quasi schuldlos für sie unsichtbare Menschen. Dazu ist zu sagen: In den USA stünde auf solch einen Unfall Gefängnis; außerdem schreibt die EU seit 2007 eine Ausstattung von neu zugelassenen Lkw mit Spiegeln für die lückenlose Rundumsicht vor. Seit März 2009 müssen alle Lkw mit solchen Spiegeln nachgerüstet sein. Im Übrigen spreche ich aus Erfahrung. Schließlich war ich vor 43 Jahren als Fahrer im Werkfernverkehr zwischen West-Berlin und Cloppenburg beschäftigt. Probleme machte – das nebenbei im 30. Jahr des Mauerfalls – die Warterei an der Grenzstation Drewitz. Es dauerte, bis ein Grenzer den Lastzug in bademeisterlichem Trott umrundet hatte, um festzustellen, ob ich beim Durchziehen der Schwertriemen und der Zollschnur eine Öse ausgelassen hätte. Danach ging’s schnell. Der Zoll-Kollege schob Pass plus Ladedokumente durch die Luke und nuschelte dabei immer dasselbe: „D-B-Sattel-Plane-Eine-Marie.“ In Langfassung: Daimler-Benz-Sattelschlepper mit Planauflieger, eine Person, nach Grenzübergang Marienborn. An das und mehr erinnere ich mich gern, aber auch daran, dass bei richtig eingestellten Spiegeln die Sicht beim Rechtsabbiegen kein Problem war.

Ein elektronischer Abbiegeassistent mag helfen. Aber die Ursache für die gestiegenen Todeszahlen im Berliner Straßenverkehr findet sich im massenhaften Nichtblinken beim Abbiegen, in der verbreiteten, kaum je geahndeten Praxis vieler Autofahrer, möglichst noch zu dritt bei Rot über die Ampel zu brettern – in massenhafter Staufrustration der Stauverursacher. Öffentlich hörbar interessieren sich dafür weder der Regierende Bürgermeister Müller (SPD) noch Innensenator Geisel (SPD) noch Justizsenator Behrendt (Grüne). Auch sie sind für die getöteten und verkrüppelten Verkehrsopfer verantwortlich! Von der Opposition ist nichts zu erwarten: Verkehrspolitisch handelt es sich um eine auspuffvernebelte CDU-AfD-FDP-Volksfront.

Berlin braucht jedoch ein auf fünf und mittelfristig auf zehn Jahre angelegtes Konzept, mit dem der Individualverkehr deutlich gemindert, der öffentliche Nahverkehr beschleunigt und gestärkt und der Lieferverkehr für alle Beteiligten sinnvoller organisiert wird. Für Letzteres wäre Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) zuständig. Sie schweigt. Was spricht gegen eine Extra-Maut, gegen Extra-Parkgebühren für immer größere, immer zahlreichere SUVs? Was spricht dagegen, den vierrädrigen Individualverkehr innerhalb des S-Bahnrings unattraktiv zu machen? Wie kann man den Liefer- und Müllverkehr rationalisieren? Auf Daimler-Chef Dieter Zetsche ist da kein Verlass. Er verkündete soeben: „Den Zauber eines Mercedes macht die Emotion aus.“ Die Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther hat nun erste Vorschläge gegen solche hubraumgestützte Emotionsmännchen veröffentlicht. Mal sehen, wer ihr beispringt – und wer nicht.