In diesen Tagen vor 75 Jahren begann vor den Toren Berlins, im KZ Oranienburg-Sachsenhausen, ein Großverbrechen, von dem nur wenige wissen. Nach einem Gespräch mit den wichtigsten Managern des KZ-Imperiums begannen die in Sachsenhausen beschäftigen SS-Leute Ende August 1941 damit, die Baracke der Strafkompanie umzubauen. Die Fenster wurden zugekalkt, Wände gegen Schall isoliert und die kargen Möbel entfernt.

Sodann liefert die Wehrmacht vier fahrbare Öfen zur Verbrennung von Leichen, und der Leiter der Elektrowerkstatt konstruierte diesen Apparat: Äußerlich diente er der Messung der Körpergröße, jedoch stand er fest montiert vor einem senkrechten Mauerschlitz; wurde das Maßholz auf den Kopf des zu Messenden gesetzt, zeigte es rückseitig den für einen Genickschuss optimalen Punkt an. Im Nebenraum hinter dem Mauerspalt standen im täglichen Wechsel nach deutschem Beamtenrecht besoldete KZ-Mitarbeiter und drückten ab.

18.000 Kriegsgefangene ermordet

Mit ihrem „Genickschusssystem en gros“ ermordeten sie in den folgenden fünf Monaten 13.000 sowjetische Kriegsgefangene, 5000 weitere Rotarmisten wurden in dieser Zeit auf andere Arten in Sachsenhausen getötet. (Dem Oranienburger Muster entspricht die Genickschussanlage in Weimar-Buchenwald.)

Nach den zuverlässigen Notizen des seit 1939 inhaftierten Autors und Werbetexters Emil Büge, der in der Schreibstube des Lagers zu arbeiten hatte, ereignete sich zunächst Folgendes: „Am Sonntag, den 31. August 1941, trifft der erste Transport von 448 Russen ein, unter denen sich drei Tote befinden. Ein Junge von 14 Jahren ist dabei, vier von 15 Jahren, sieben von 16 Jahren. Die Mehrzahl stammt aus der Gegend von Minsk. Es hagelt Schläge auf ihre ausgemergelten Körper. Die Leute bekommen dann mittags einen Liter Essen, und abends werden sie in Trupps von etwa 20 in einem geschlossenen Auto mit den Kennzeichen SS-19-367 abgeholt und in der dafür vorbereiteten Baracke umgelegt. Damit die übrigen Delinquenten nicht merken, was passiert, wird über einen Radiolautsprecher Musik dazu gespielt. Bis nachts um zwei oder drei Uhr sind alle Russen tot, anschließend beginnt die Verbrennung der Leichen.“

Am folgenden Tag wurden die nächsten 254 Sowjetsoldaten antransportiert – „gut aussehende, junge Leute“, alle „vollkommen ahnungslos“. So ging es Woche für Woche weiter. Immer wieder notierte sich Büge die Namen und Daten einzelner Ermordeter. So zum Beispiel: Nikolai Bagenenko, geb. am 9. Mai 1914 in Stepanowka, Stalinskaja Oblast; Viktor Aschelow (stud. med.), geb. am 24. Nov. 1922 in Moskau; Jefrem Rudnizij, geb. am 5. Sept. 1911 in Retschiza, Oblast Gomel, Lehrer, Ehefrau Maria, zwei Kinder, vier und sieben Jahre alt. Aus dem Notizbuch von Iwan Nikolenko entnahm Büge: „Hatte in Tiflis ein Mädel, seine Liebste.“

Chronist nahm sich das Leben

Ideologisch vernagelt, wie es unser jetziger Bundespräsident insoweit leider ist, wird er den in Sachsenhausen ermordeten Sowjetsoldaten nicht die Ehre erweisen. Hoffen wir auf seinen Nachfolger – und gedenken der so oft Vergessenen ohne staatliche Begleitung. Der Chronist Emil Büge nahm sich 1950 das Leben. Kurz zuvor hatte ihm das bayerische Versorgungsamt wegen seiner Homosexualität den Status des politisch Verfolgten aberkannt und die damit verbundene Rente.