Mit schöner Regelmäßigkeit wird darüber debattiert, ob Berlin nun eine Weltstadt sei oder nicht. Texte, die Letzteres vermuten, kommen meistens aus München, Hamburg oder Frankfurt. Metropolen sozusagen. Die letzte Debatte, an die ich mich erinnere, war die Jens-Spahn-Story.

Wurde früher beklagt, dass niemand in Berlin Englisch spricht, war nun das Problem, dass alle nur Englisch sprechen. Jedenfalls in drei Cafés und vier Kneipen in Neukölln. Weil das in Paris aber niemand mache, sei Berlin provinziell, hieß es.

Im Laufe der Zeit wurden schon viele andere Begründungen für diese These gefunden: Mangelnde Wirtschaftskraft, natürlich auch der Flughafen, schlechter Kleidungsstil oder weil sich Berlin angeblich selbst Weltstadt nenne und das in Paris ebenfalls niemand mache.

Google zeigt 101.000 Treffer bei der Suche nach „Berlin provinziell“. Ich wollte zur Recherche alle lesen (alle auf der ersten Trefferseite, versteht sich). Aber einer der Texte begann unironisch mit „München brummt“ und ich dachte, es geht auch ohne Recherche.

Braucht eine Metropole wirklich unbedingt die höchste Geschwindigkeit? 

Über ein Argument aber habe ich lange nachgedacht. Berlin sei langsam, heißt es und deshalb keine Weltstadt. Ich war vergangene Woche in New York und fand das Tempo dort wirklich erstaunlich hoch. Die Menschen dort hetzen in den Straßen, selbst die Jogger im Central Park rennen viel schneller als die im Tiergarten. Um Zeit zu sparen, fliegen reiche New Yorker manchmal sogar in Helikoptern. Bei uns kennen reiche Leute jemanden, der ein Auto hat.

Das gleiche Tempo sieht man auch in London und selbst im eleganten Paris, wo ja bekanntermaßen niemand Englisch spricht und schon gar nicht darüber, Weltstadt zu sein. Aber braucht eine Metropole wirklich unbedingt die höchste Geschwindigkeit? Sie ist ja in der Regel kein Selbstzweck.

In diesen Städten hat man einfach weniger Zeit, weil man für seinen Lebensunterhalt deutlich mehr arbeiten muss. Für viele kommen auch noch lange Pendelzeiten dazu. In Berlin dagegen kann man sich auch als Normalverdienerin mit einer 40-Stunden-Woche eine Wohnung in der Innenstadt leisten. Zurzeit jedenfalls noch.

Wer bitte hat denn gerne keine Zeit?

Diesen Luxus sollten wir viel mehr wertschätzen. Wir können es uns zeitlich leisten, an roten Ampeln stehen zu bleiben. Wir können im Café die Zeitung lesen und nicht nur Twitter. Wir können auf Rolltreppen stehen, rechts und links und wenn wir oben angekommen sind, auch noch. Wir können diese Viererkarten an BVG-Automaten mit EC-Karte kaufen, was ungefähr eine halbe Stunde dauert.

Wir können auch mal versuchen, nachmittags eine Briefsendung in der Postfiliale Müllerstraße abzuholen. Wir können auf den M41er warten. Oder auf den Flughafen. Oder auf den Service in hippen Kaffeebars. Und nicht zuletzt könnten wir es uns theoretisch sogar leisten, Debattenbeiträge darüber zu lesen, ob Berlin nun provinziell ist oder nicht.

Dadurch haben wir ein Maß an Lebensqualität, um das uns andere beneiden. Wer bitte hat denn gerne keine Zeit? Ich meine, ständiger Druck erzeugt Depressionen und dafür haben wir doch schon den Berliner Winter.

Für mich persönlich bedeutet Großstadt übrigens, dass ich richtig coole Dinge verpasse, während ich auf meiner Couch sitze und Netflix gucke. Und das erfüllt Berlin wunderbar.