Berlin - Auf meinem Fensterbrett sieht es aus wie in der Massentierhaltung. Vögel stehen dicht an dicht und picken. Allerdings könnten sie wegfliegen, außerdem sind sie freiwillig da: Sie lieben die Krümel, die ich jeden Morgen für sie ausschütte, und ich bin da nicht kleinlich.

Ich frühstücke nicht immer zur selben Zeit. Wie lange mögen die Vögel in den Bäumen warten? Werden sie ungeduldig? Sagt einer von denen so etwas wie: „Keine Lust, hier noch länger rumzuhängen!“ Und dann fliegen alle Vögel woanders hin? Nach einem späten Frühstück bleiben meine Krümel tatsächlich lange liegen. Ich kontrolliere dann das Fensterbrett: Immer noch. Immer noch. Plötzlich sind die Krümel weg, das kann auch nachmittags passieren. Beobachten mich die Vögel in mehreren täglichen Runden? 

Intelligente Vögel

Schon immer interessiere ich mich für Tiere, aber ich habe keine Ahnung, ob die sich auch irgendwie für Menschen interessieren. In letzter Zeit habe ich viel gelesen, um das herauszubekommen.

Manche Tiere gelten als intelligent: Vögel legen Landkarten im Gehirn an, sie merken sich Verstecke von Lebensmitteln. Delfine, Affen, Elefanten, Elstern und Schweine erkennen sich im Spiegel. Menschenaffen, Raben und Delfine können andere Tiere täuschen, um denen das Futter zu stehlen. Ein Kakadu an der Uni Wien bearbeitete Äste, um an Nüsse außerhalb seiner Reichweite heranzukommen. Eine Geradschnabelkrähe bastelte sich an der Uni Oxford Haken, damit fischte sie Futter aus einer Röhre. Offenbar werden Tiere als intelligent bezeichnet, wenn sie etwas Ähnliches können wie wir. 

Wer Tiere füttert, wird für Tiere interessant

Ich habe aber auch erstaunliche Dinge gelesen, was Tiere im Unterschied zu Menschen besitzen oder können: Einige sehr seltene Wirbeltiere haben grünes Blut, der Hornhecht hat auch noch ein grünes Skelett. Grottenolme kommen zehn Jahre ohne Nahrung aus. Vielfraße sind extreme Einzelgänger und markieren als ihre Gebiete Flächen bis zur Größe des Saarlands. Aber diese Tiere machen das einfach so, nur für sich. 

Einen Beweis für das Interesse der Tiere an unsereinem fand ich nicht. Wir sind im besten Fall die Ernährer. Wer Tiere füttert, wird für Tiere interessant. Durch verlässliche Erfahrung kann emotionale Bindung entstehen, Zärtlichkeit, Sehnsucht, Dankbarkeit auf beiden Seiten. Vielen Menschen, das habe ich gelesen, tut das Streicheln mehr gut, als den von ihnen gestreichelten Tieren.

Interesse von Tieren am Menschen

Aber meistens geht es nur ums Essen. Bis zu zehn Millionen Milben können sich in einem Bett ansammeln. Es ist kuschelig warm, die Luftfeuchtigkeit stimmt, die Lieblingsspeise liegt herum – unsere Hautschuppen.

Auch von den Lebensmittelmotten dachte ich, dass sie in meiner Küche auf Nahrungssuche sind. Einmal fand ich sie in Müslitüten, das nächste Mal im Paprikapulver eines fest verschlossenen Glases. Aber eine neue Generation bei mir kommt offenbar nicht zum Futtern.

Sie bringt sogar Opfer: Viele kleben an meinen Mottenfallen. Lebendig sehe ich sie nur im Flug. Gegen Ende der Tagesschau flattern sie durch das Wohnzimmer. Ich springe auf und schlage die Hände zusammen. Es ist fast unmöglich, sie zu fangen. Vielleicht wird das der erste dokumentierte Fall eines Interesses von Tieren am Menschen. Auch wenn sich die Motten nur einen Spaß daraus machen.