Irrtümer sind falsche Annahmen, aber der Mensch, der sie verbreitet, ist von ihrer Richtigkeit überzeugt. Der sich Irrende ist eine ehrliche Haut. Der Philosoph Hegel (1770 bis 1831) hat dem Irrtum einen schönen Gedanken geschenkt: „Irrtum ist ein Moment in der Entwicklung der Wahrheit.“ Eine Folge dieser Sentenz war im Pressewesen die Erfindung des Korrekturkastens: Irrtümer können an einem bestimmten Platz im Blatt durch Richtigstellung gelöscht werden. „Anders als in unserer gestrigen Ausgabe behauptet...“

Allerdings kommt man als Journalist in den Kasten nicht so gerne rein. Man hofft, unter dem Radar durchzurutschen. Man macht sich Sorgen um den eigenen Ruf, auch wenn der Lapsus die Weltlage kaum beeinflussen wird. In dieser Zeitung wurden unter anderem Kaninchen mit Hasen verwechselt und Riga mit Vilnius. Angeblich leben in Mecklenburg-Vorpommern 100 Menschen auf einem Quadratmeter. Meldungen erscheinen doppelt. Fotos zeigen Personen, die mit dem Text nichts zu tun haben. Leser merken das.

Journalisten müssen sich verzeihen lernen

Zeitungen sind Menschenwerk. Journalisten müssen sich verzeihen lernen. Aber manchmal können sie es nicht: Eine Kollegin schrieb ein Porträt über einen bekannten Politiker. In der Nacht der Drucklegung setzte sie sich plötzlich im Bett auf, weil ihr Unbewusstes bei der Tagesnacharbeit entdeckte, dass sie dem Mann durchgängig einen falschen Vornamen gegeben hatte. Aus solchen Gründen können bei Journalisten Herzinfarkte entstehen – Menschenwerk hin oder her.

Alle Zeitungen kennen Probleme durch Irrtümer. Manche reagieren strenger, als man es sich vorstellen kann. Der gefeierte, provokante, einflussreiche Fritz J. Raddatz musste seinen Posten als Feuilletonchef bei der Zeit niederlegen: Er hatte ein gefälschtes Goethe-Zitat verwendet. Fassungslos schreibt der Herabgesetzte im Tagebuch über „die absolute Disloyalität“ der Redaktion, über das Ausbleiben von „Fürsprech“. „Nun ist Schweigen ringsum, ein paar Telegramme.“ Raddatz stürzte über einen kleinen Irrtum in große Überlebensängste.

Griechisch! Statt Lateinisch!

Ich hatte bei meinen Texten bisher viel Glück: Einmal Teupitz und Zeuthen verwechselt – ist nicht aufgefallen. Manchmal bekomme ich Leserbriefe, die aber eher meine Meinung als meine Fehler bemängeln. Ich antworte mit privaten Mails, ohne dass die Öffentlichkeit Wind davon bekommt. Vor zwei Wochen hat mich der Makel eines offensichtlichen Irrtums dann doch erwischt. Ich schrieb an dieser Stelle, dass „Post coitum omne animal triste est, sive gallus et mulier“ (nach dem Koitus ist jedes Tier traurig, außer dem Hahn und der Frau) ein griechischer Spruch sei. Griechisch! Statt Lateinisch! Das Griechische hatte sich in mein Unbewusstes gedrängt, weil die Sache mit dem traurigen Koitus einem römischen Arzt griechischer Herkunft zugesprochen wird, der im ersten Jahrhundert n. Ch. lebte.

Das Betrübliche an Irrtümern ist, dass manche Leser diese nur als reine Doofheit wahrnehmen. Ich wäre ein Philosoph geblieben, wenn ich geschwiegen hätte, schrieb einer. Natürlich auf Latein. Ich kenne den Satz, ich hatte in Latein eine Eins. Andere Leser trösteten mich: „Errare humanum est.“ Der Spruch erhielt über die Jahrhunderte verschiedene Fortsetzungen. Am besten gefällt mir die: „Irren ist menschlich. Vergeben göttlich.“