Mir sagte der Name Claas Relotius rein gar nichts, als seine hundertfachen Fälschungen dank seines Spiegel-Kollegen Juan Moreno aufflogen. Moreno ging ein hohes existenzielles Risiko ein, weil er die riesenhafte Gilde der Relotius-Preisverleiher und -Verehrer gegen sich hatte. Aber warum blieb Relotius mir unbekannt? Denn eigentlich lese oder schaue ich sehr gerne gute Reportagen, etwa von Kerstin Holm (FAZ) über Russland oder die aktuellen Arte-Reportagen über sakrale Bauwerke. Aber dieses vermeintlich hautnah schildernde Geschreibsel, das heutzutage im Journalismus als Storytelling verherrlicht wird, geht mir auf die Nerven. Ich lese es nicht. Ich verstehe „Storytelling“ wörtlich, als freies, geblähtes Geschichtchenerzählen.   

Diejenigen, die Relotius in den verschiedensten Jurys hochgejubelt haben, hüllen sich in Schweigen – so, als hätten sie mit dem Fall überhaupt nichts zu tun. Lügen funktionieren aber dann besonders gut, wenn der Lügner – wie im Fall des Hauptmanns von Köpenick – genau das tut, was sein Publikum erwartet. In jenen Jurys, die Claas Relotius zigfach auszeichneten, saß die Creme des deutschen Journalismus: hochmögende Moderatorinnen und Moderatoren, Spitzenreporter und -reporterinnen, Chefredakteure und Chefredakteurinnen. Sie namentlich aufzuzählen, würde den Platz sprengen, zumal es im Fall des Deutschen Reporterpreises (viermal an Relotius verliehen) auch noch üppig besetzte Kommissionen zur Vorprüfung der eingereichten Texte gab.

Bislang habe ich nur von Jörg Thadeusz, einem vergleichsweise weniger prominenten Mitglied der Jury des Deutschen Reporterpreises, (selbst)-kritische Worte über das Verhalten der Jury gelesen („Wer das Weltbild bestätigte, stand bald auf der Bühne“, in Die Welt vom 22.12.2018). Thadeusz spricht vom Hang zu „süffigen Geschichten“, die die eigene Weltsicht „möglichst prachtvoll bestätigen“ – sei es in Sachen Antiamerikanismus oder in „Rebellen“-hätschelnder Parteinahme in Syrien, möglichst am Beispiel eines Kindes. Ferner berichtete Thadeusz: „Aus dem Kreis der Juroren des Reporterpreises kamen jetzt bereits Stimmen, es mit der Selbstprüfung nicht zu übertreiben.“ Schließlich „stehen wir unter dem Druck der Rechtspopulisten“, tragen Verantwortung für „die Kollegen“ usw. usf. Papperlapapp.

Zuletzt veröffentlichte Relotius das von ihm stark überformte Gespräch mit der 99-jährigen, in den USA lebenden Traute Laferenz, der Freundin des 1943 hingerichteten Nazigegners Hans Scholl. Da ich zu diesem Zeitpunkt meine Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis 2018 vorbereitete, tönte es von allen Seiten: „Das musst du lesen!“ Also kaufte ich den Spiegel. Ich überflog den Vorspann, die ersten fünf Fragen und Antworten und brach ab, weil ich den Text für aufgedonnert und als zeithistorische Quelle für untauglich befand. Mehr habe ich von Relotius nie gelesen. Ein Fälscher lebt von denen, die seine Fälschungen für wahr halten wollen. Die Tatsache, dass die Namen der Laudatoren, die Jury-Begründungen und die Lobreden auf den Preisträger Relotius aus dem Internet getilgt sind, finde ich antiaufklärerisch. Nur wer diese Texte kompakt veröffentlicht und die Namen der jeweils Beteiligten nennt, zeigt ein ernsthaftes Interesse, aus diesem, den deutschen Journalismus schwer belastenden Betrugsfall zu lernen.