Der zu Feiernde ist emeritierter Professor für empirische Theorie der Politik. Um seine Person machte und macht er kein Aufheben. Er führte kein Verzeichnis seiner zahllosen Aufsätze und Kritiken - jedoch ein engagiertes politisches Leben. Er stritt für Menschenrechte, für Freiheit, gegen Zwangsverwahrung in der Psychiatrie, gegen Raketen und für Deserteure, gegen den Stumpfsinn des durchregulierten Studiums der „Zielvereinbarungen“, gegen das ehrpusselige Gemache seiner im Durchschnitt weniger gebildeten Kollegen. Er und Peter Grottian verzichteten 1985 auf je ein Drittel ihres Gehalts, um so eine weitere Zwei-Drittel-Stelle und damit nach zähem Hin und Her die erste Professur für Frauenforschung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität zu erzwingen. Narr wirkte durch kluge Reden, scharfsinnige Texte und Vorbild.

Geboren am 13. März 1937, verfügte er als junger Gelehrter über alles, um eine glänzende linksliberale Karriere hinzulegen: gediegene humanistische Bildung, ein berühmtes Standardwerk, den „Narr-Naschold“ (Einführung in die politische Theorie, 3 Bände, 1969ff.) und Fellow der John F. Kennedy School of Government an der Harvard University. Aber er wählte jenen Weg, den Helmut Gollwitzer zwischen Immanuel Kant und Ernst Bloch vermittelnd empfahl: Als ein „Krummes Holz“, das der Mensch ist und bleibt, soll er den „Aufrechten Gang“ erstreben. Erreichen wird er ihn nie. Aber der unermüdliche Versuch bleibt aller Ehren wert. In diesem Sinn entschied sich Narr für den politischen Interventionismus und damit für die Risiken des Irrtums. In seinen Augen kann es keine geschlossene „empirische Theorie“ des Politischen oder „Systeme“ geben, sondern nur den immer neuen, immer wieder scheiternden Versuch, dem für vernünftig Erkannten nach Kräften aufzuhelfen und den Logiken der Technokraten, Verwalter und Vorbeter der Alternativlosigkeit „im Interessen- und Machtheuhaufen“ Contra zu bieten. Unter dem Titel „Niemands-Herrschaft. Eine Einführung in Schwierigkeiten, Herrschaft zu begreifen“ verfasste Narr 1989 ein voluminöses Manuskript zur Delegitimierung der Macht. Weil er sich mit dem Verleger nicht einigen konnte, blieb das Werk ungedruckt. Erst 2014 entriss es ihm Uta von Winterfeld; 2015 erschien es im VSA Verlag, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Als Hochschullehrer diktierte Narr tausende Gutachten zugunsten anderer Leute. Dabei schreckte er vor mancher Beschönigung nicht zurück, bezeichnete sie kirchenlateinisch als pia fraus, als kleinen Betrug im Dienste des Guten. Nicht alle haben ihm das gedankt. Vor einem Jahr sagte er mir: „Vielleicht hätte ich doch mehr an die eigenen Sachen denken sollen.“ – Damals konnte er noch ein wenig sprechen. Seit fast zwei Jahrzehnten leidet er an einer tückischen Krankheit, die ihm langsam die Bewegungsmöglichkeiten nahm und nun die Stimme. Er trägt dieses Los mit Geduld. Narrs Vorbild ist Sisyphos, der „einen schweren Marmor von der Au zum Berge wälzt“ und dann, die Geschichte ist bekannt, wieder „von vorn arbeiten“ muss. Ein kleiner, sehr divergenter Freundeskreis feierte seinen 80. Geburtstag in einer Kneipe neben dem Pflegeheim. Im Rollstuhl genoss Wolf-Dieter Narr den ehrenden Besuch still und sichtlich gerührt.