Kolumne zum Frauentag: Die Durchschnittsberlinerin

Berlin - In einer Wochenzeitschrift war über die Berlinerin zu lesen, dass sie klug, mütterlich und einfühlend versuche, dem hilfesuchenden Mann mit Rat zur Seite zu stehen. Das alles wäre ganz typisch für die Berlinerin. Das war 1951 und jede Berlinerin würde diese Beschreibung heute zurecht entrüstet von sich weisen. Aber wie ist sie denn nun wirklich, die Hauptstädterin?

Sie flirtet und verdient 1 300 Euro

Der Mikrozensus weiß, dass sie im Schnitt 42,9 Jahre alt ist, meist verheiratet, erwerbstätig und im Schnitt mit 1 300 Euro netto  nach Hause kommt. Die Berlinerin arbeitet 33,4 Stunden pro Woche und erreicht ihren Arbeitsplatz mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Sollten sie in der Bahn eine 1,66 Meter große, 67,4 Kilogramm schwere Frau sehen, die in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis steht, handelt  es sich um die Durchschnittsberlinerin.

Das klingt alles recht nüchtern. Einem Fitnessmagazin zufolge flirtet die Hauptstädterin im bundesweiten Vergleich immerhin sehr gerne. Das kann man sich gut vorstellen, schüchtern ist die Berlinerin sicherlich nicht. Als freizügig gilt sie, eine Art moderne Anita Berber, beherzt und mutig wie Rosa Luxemburg für ihre Ideale einstehend. Selbstbewusst nimmt die Berlinerin  ihr Leben in die  Hände wie die Dietrich und die Knef – alleinerziehend, cool und, wie es der Psychologe sagen würde: angstfrei in der Auseinandersetzung mit ihrer sozialen Umwelt.

Frei und selbstbewusst

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Berlin eine Männerstadt,  die die aufkeimende Frauenbewegung skeptisch beäugte, über Suffragetten und Bubiköpfe spottete. Nach dem Krieg hatten sich die Verhältnisse  geändert. Frauen bestimmten nun das Straßenbild der zerbombten Stadt.  Die Berlinerin räumte auf und baute auf – die Trümmerfrauen dieser Zeit haben maßgeblich zum Selbstbild der  Berlinerin bis zum heutigen Tag beigetragen –  die Freiheit, die der Krieg der Berlinerin paradoxerweise brachte, ließ sie sich danach nicht mehr nehmen.

Das ist bis heute so – die Durchschnittsberlinern, mag sie aussehen, wie sie will, ist eine selbstbewusste und freie Frau. Zum Glück!