Berlin - Kürzlich saß ich in einer Runde in Prenzlauer Berg, lauter gut ausgebildete Frauen. Alle waren schwanger. Sechs von zehn sagten, dass ihre Partner nach der Geburt keine Elternzeit nehmen wollen, obwohl sie, die Schwangeren, sich das anders vorgestellt hatten. „Ich dachte, wir würden uns die Elternzeit paritätisch aufteilen, damit ich wieder an die Arbeit zurück kann“, sagte eine 27-Jährige, seit kurzem Chefin ihrer Abteilung.

Ich hörte zu, wurde unruhig. Wo war ich gelandet? Westdeutschland, 1970? Erlebten wir nicht angeblich eine neue Welle des Feminismus? Ich weiß gar nicht, auf wen ich mehr wütend war, auf die Väter oder auf die Mütter. Zehn Jahre ist es her, dass Elternzeit und Elterngeld eingeführt wurden, auch, um Männer stärker in die Pflicht zu nehmen. Ein Drittel aller Väter nimmt Elternzeit, achtzig Prozent davon aber nur für zwei Monate. Vom Bundesfamilienministerium wird das als Erfolg gefeiert.

Keine Zeit, keine Lust oder Angst?

Die Partner der Frauen aus meiner Runde gehörten zur Mehrheit, die nach der Geburt ihres Kindes ins Büro zurückkehren, während Mutti zu Hause mit Milchseen, Wäschebergen und Erschöpfung ringt. Was hält die Männer davon ab, ein paar Monate auszusteigen? Warum haben sie offenbar keine Lust, sich um ihre Kinder in der besonderen ersten Zeit zu kümmern? Angst vor Karrierenachteilen? Angst vor Verweiblichung, wenn sie sich zu gut mit Kochen und Babykleidung auskennen?

Das Wissenschaftszentrum Berlin hat in einer Studie herausgefunden, dass Väter, die zwei oder mehr Monate Elternzeit nehmen, kein Geld im Job verlieren. Trotzdem bleibt alles beim Alten: Ein guter Papa ist der, der das Geld verdient. Weil Kinderaufzucht nicht als Arbeit gilt, sondern als Hobby, als Urlaub.

Warum lassen sich Frauen das bieten?

Ich war auch verärgert über die Frauen vor mir. Warum ließen sie sich das bieten, warum forderten sie nicht mehr Mitarbeit ein? Wie soll sich jemals etwas ändern im Geschlechterverhältnis, wenn nicht einmal diese klugen, gut ausgebildeten Frauen ihre Bedürfnisse artikulieren, sobald sie Mutter werden?

Es wäre vielleicht okay gewesen, wenn ich den Eindruck gehabt hätte, dass die Paare vorher über die Aufteilung geredet hätten. Gut möglich, dass manche Mütter glücklicher sind, wenn sie sich nach der Geburt ein Jahr ausschließlich ums Baby kümmern können. Vielleicht finden sie es auch okay, danach nur noch wenige Stunden Teilzeit zu arbeiten, mit allen Einbußen, die das mit sich bringt.

Die Frauen aber wirkten überrumpelt, suchten nach Entschuldigungen: „Mein Freund hat gerade den Job gewechselt.“; „Mein Freund arbeitet in einem Start-up, da ist es nicht üblich, dass man Elternzeit nimmt.“ Oder: „Er ist so unpraktisch, er würde zu Hause nur stören.“ Sie redeten über ihre Männer, als seien sie anstrengende Kleinkinder. Frauen machen das öfter, wenn sie über Männer reden, auch ein Weg, einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.

Es gibt die Theorie, dass Männer gern mehr Zeit mit ihrem Kind und Kinderbrei, mit Windeln und Lego verbringen würden, dass sie aber von den Frauen, diesen fiesen Kontrollfreaks, davon abgehalten würden. „Maternal gatekeeping“ sagt man dazu auf Englisch. Klar, logisch, das machen Frauen seit zweitausend Jahren, dass sie die besten Jobs für sich reklamieren.