Als ich vor zehn Jahren von der Nordseeküste nach Berlin zog, blieb mir vor allem eine Situation im Gedächtnis. Nachdem eine Schulfreundin und ich einen ganzen Tag lang Wohnungen besichtigt hatten, standen wir abends am Alexanderplatz und warteten auf die Straßenbahn. Neben uns stand eine etwa gleichaltrige Frau, die am Telefon eine Freundin bat, sie auf eine Party zu begleiten: „Du musst wirklich noch rauskommen. Es ist so ein schöner Abend! Die Luft riecht so gut.“

Autoabgase, Wurstbuden-Odeur und Zigarettenqualm

Meine norddeutsche Freundin und ich mussten uns nebenan verkneifen, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Diese Mischung aus Autoabgasen, Wurstbuden-Odeur und Zigarettenqualm empfand sie als „gute Luft“? Am liebsten hätten wir das verwirrte Mädchen gekidnappt und an die Nordsee entführt, um ihr zu zeigen, wie wirklich gute Luft riecht.

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Nachdem ich nun zehn Jahre selbst hier gelebt habe, verstehe ich das Faible der Hauptstädter für die Berliner Luft sehr gut. Neben dem bekannten Lied von Paul Lincke gibt es auch ein Dessert und einen Pfefferminzlikör mit dem Namen. Auch die tatsächliche Berliner Luft ist, in Büchsen konserviert, ein beliebtes Mitbringsel für Freunde auf dem Land. Aber wonach riecht sie denn nun?

Herber Schweiß von tanzenden Mittzwanzigern

Würde man ein Labor mit der Analyse beauftragen, bekäme man sicherlich ungefähr das folgende Resultat: In der Kopfnote konkurriert der schwere, würzige Charlottenburger Altbauwohnungsmief mit der minimalistischen Strenge von Hellersdorfer Waschbeton. Eventuell ließen sich Spuren eines fruchtigen Bouquets aus Grunewalder Kiefernholz, Tempelhofer Hafenwind und gurkigem Spreewasser erahnen. Wenn sich diese verflüchtigt haben, entfaltet sich der herbe Schweiß von tanzenden Mittzwanzigern, der erdige Duft des Weddinger Asphalts und die pragmatische Staubigkeit des Regierungsviertels in der Herznote.

Barocke Schwere der Berliner Gemütlichkeit

In der Basisnote dominiert schließlich ein blumiges Aroma aus süßlichen Jugendtraumaromen, der dezenten Frische eines weiten Horizonts und der barocken Schwere der Berliner Gemütlichkeit. Nun ja, und einige vernachlässigenswerte Partikel Feinstaub würde man vielleicht auch entdecken.