Kolumne zur Berliner Nacht: Das mittelmäßige Nachtleben in der Weserstraße in Neukölln

Vor kurzem saß ich in einer Mittwochnacht in einer Neuköllner Bar und war mit einem Michael in ein Gespräch verwickelt, an dessen Gegenstand ich mich nicht mehr erinnern kann. Um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht mehr, ob mein Gesprächspartner wirklich Michael hieß, er hätte auch ein Christian oder Stefan sein können. Aber eins weiß ich sicher: Es war in Neukölln.

Als ich nach Berlin gezogen bin, hatte ich zu Neukölln noch eine Meinung. Ich bewunderte die Freunde, die vor zehn Jahren in Neukölln wohnten. Der Umgang dort schien mir ruppiger als in Schöneberg, die Straßen waren schmutziger, der ganze Bezirk war in meiner Vorstellung irgendwie düster. Damals.

Vor ein paar Jahren schleppte mich dann zum ersten Mal eine Freundin in die Weserstraße, „da haben ganz tolle Bars aufgemacht!“ Als wir ankamen, sah ich einige Bars, „ganz toll“ fand ich die nicht. Es waren sehr mittelmäßige Bars, in ihnen durchweg mittelmäßige Leute. Es fiel mir schwer, eine Meinung zu dem Geschehen zu haben: Ich konnte es nicht schlecht finden, aber wirklich vom Hocker riss mich die Weserstraße nun auch nicht.

Bei den anderen Bezirken war das anders. Prenzlauer Berg fand ich erst unfassbar cool, dann unfassbar bieder. Charlottenburg fand ich auf eine gute Art bonzig, den Wedding schäbig, allerdings auf eine gute Art. Friedrichshain war aufregend und blöd, wie Jahrmarkt. Selbst für Spandau und Köpenick hatte ich eine Schublade eingerichtet: ruhig, pittoresk und viel Wasser.

Seitdem Neukölln so beliebt ist, wollen meine Freunde immer wieder dort mit mir ausgehen. Wir betreten im Dämmerlicht eine Bar oder Party, treffen Leute, die Kapuzenpullis in gedeckten Farben tragen, bestellen irgendein Bier, das angeblich hier um die Ecke gebraut wird, aber so betont unaufregend schmeckt, dass ich mich an den Namen schnell nicht mehr erinnere. Ich führe Gespräche mit irgendeinem Michael oder Stefan und gehe gegen halb drei nach Hause, selten früher, nie später.

In der U-Bahn nach Hause frage ich mich dann, wo das düstere Neukölln geblieben ist. Es ist so dämmrig geworden.