Berlin - Es war eine dieser Ideen, die an einem Kneipentisch zu später Stunde geboren werden. Jochen Kühling vom Berliner Musik-Label Run United und der Musikjournalist Mark Terkessidis philosophierten darüber, welche musikalischen Schätze die in Berlin lebenden Einwanderer in die Stadt getragen haben. Und wie dieses Kulturgut zu bewahren sei. Das war Anfang 2011. Die Debatte hatte Folgen. Am kommenden Montag erreicht ihr Projekt seinen vorläufigen Höhepunkt: Dann werden in der Komischen Oper rund 140 Berliner auf der Bühne stehen, die selbst oder deren Vorfahren aus aus aller Welt stammen. 13 Chöre und Bands singen „Heimatlieder aus Deutschland“.

Die Heimat erklingt in 12 Sprachen. Man muss die Sprachen nicht können, um zu verstehen, wovon die mosambikanische Marrabenta-Musik, der portugiesische Fado, der Quan Ho Gesang aus Vietnam erzählen. Tradition, Erinnerung, Natur, Liebe, Sehnsucht, Abschied und Ankunft. Die Themen der Lieder werden in den Melodien und Stimmen hörbar. Trost, Verbundenheit, Festlichkeit, Freude und Schmerz. Die Sprache ist die Musik. Alle 26 Lieder sind im Internet zu hören, zu lesen sind die Geschichten der Musiker, der Melodien und der Instrumente.

Kein Unterscheid mehr zwischen „Ihr“ und „Wir“

Monatelang recherchierte Kühling zu den Bands und Chören, die nun zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen. Sie sollten aus den Ländern stammen, aus denen in den 1950er- bis 70er-Jahren von der früheren Bundesrepublik Gastarbeiter und von der DDR Vertragsarbeiter angeworben wurden: Türkei und Vietnam, Griechenland, Italien, Kroatien, Kuba, Marokko, Mosambik, Polen, Portugal, Serbien, Spanien, Südkorea.

Dem Duo Kühling/Terkessidis ging es immer um die Musik. Zunächst stand der Archivierungsgedanke im Vordergrund. Im August wurden die Lieder aller Gruppen, unter ihnen sind Profis und Laien, in einem Studio aufgenommen. Das Projekt wird vom Hauptstadtkulturfonds unterstützt. Eine CD ist geplant und Remixe von jungen DJs, damit die alten Lieder in das Leben der Jungen kommen.

Die Mitwirkenden sind zwischen 20 und 70 Jahre alt. Die Lieder ihrer Ahnen, zum Teil Hunderte Jahre alt und in den Herkunftsländern vom Kind bis zum Greis jedem bekannt, kamen in ihrer Lebenswelt lange nicht vor. Sie alle, das serbische Duo Sandra Stupar und Dusica Gacic, die 50 Sängerinnen und Sänger des griechischen Chores Polyphonia oder der türkische Chor und der koreanische, sie alle haben das Ferne und Vergangene hier neu belebt.

„Mit Heimatlieder aus Deutschland eignen wir uns einen Namen an, der bisher nur deutsch war. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen wir und ihr“, sagt Kühling. Letztlich beweise das Projekt, welche Bereicherung die Kultur der Einwanderer biete. „Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Deutsche gemeinsam ein Lied von Anfang bis Ende singen können, geht doch gegen null.“

Erst war der gemeinsame Auftritt im SO 36 in Kreuzberg geplant. Dann aber bekundete die Komische Oper Interesse, die sich seit geraumer Zeit müht, sich stärker für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu öffnen. „Es hat mich sofort begeistert“, sagt Chefdramaturg Ulrich Lenz. Nun ist auch er etwas aufgeregt. Die Karten für die mehr als 1.000 Plätze sind fast ausverkauft. Die Generalprobe mit allen Beteiligten beginnt am Montagmittag und dauert bis zum Konzertbeginn am Abend. „Das hat schon etwas Gigantisches“, sagt Lenz. „Und wir wissen nicht, was rauskommt.“

Heimatlieder aus Deutschland

Mo 10.6. ab 20 Uhr, Komische Oper, 10-28 Euro,

www.heimatliederausdeutschland.de