Wer fährt das Dolmus? Diese Frage musste am Dienstagmorgen auf dem Parkplatz der Komischen Oper erst einmal beantwortet werden. Zunächst wollte es der Dramaturg machen, Pavel Jiracek. Er hatte den Schlüssel schon in der Hand, bekannte dann aber, er könne nicht einparken. Am Ende saß der Kontrabassist am Steuer. Vielleicht, weil er es gewohnt ist, unhandliche Instrumente zu manövrieren.

Eines konnte man daran jedenfalls merken: Die Komische Oper ist es gewohnt, dass man zu ihr kommt. Aber an diesem Tag war es anders. Die Künstler suchten ihr Publikum auf.

Das Projekt, das am Dienstag begann, heißt Operndolmus. Es ist Teil der Initiative „Selam Opera“ von Mustafa Akça, dem türkischstämmigen Dramaturgen des Hauses. Mit ihrer Hilfe möchte die Komische Oper Menschen mit türkischen Wurzeln für die Oper begeistern.

Dolmus (unter dem „s“ müsste ein Haken stehen) heißt „voll“ auf Türkisch. In der Türkei ist ein Dolmus ein Sammeltaxi, das erst losfährt, wenn alle Sitze besetzt sind.

Mit Hilfe des Operndolmus will das Haus auf Menschen zugehen, denen das Genre Oper fremd ist. Menschen, wie die Bewohner der Seniorenfreizeitstätte in der Gitschiner Straße in Kreuzberg etwa. Sie ist an diesem Tag die erste Station.

Als die Künstler ankommen, werden in der Küche noch belegte Brötchen gemacht. Die Thermoskannen mit Kaffee stehen schon auf den gedeckten Tischen. Der Raum ist voll mit Seniorinnen. Manche haben sich fein gemacht an diesem Vormittag, so als gingen sie in die Oper. Und ein bisschen ist es ja auch so.

Gertrud Kaiser, die Leiterin der Freizeitstätte kennt Mustafa Akça noch aus der Zeit, als er in Kreuzberg Quartiersmanager war. Sie erzählt, dass sie den heutigen Termin vereinbart haben, als sie sich vor einiger Zeit zufällig in der U-Bahn begegneten.

Dann geht es los. Der Kontrabassist postiert sich vor der Getränkeliste, der Bajanspieler und die Geigerin vor dem Gummibaum, in dessen Topf noch ein hellgelber Osterhase steckt. Pavel Jiracek kann vielleicht nicht einparken, aber als er die Rahmenhandlung für das erste Gesangsstück aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ beschreibt, wie der Graf sich in Rosina verliebt und der Barbier den Unterhändler macht, hängen alle an seinen Lippen.

Dann singen Katarina Morfa und Bernhard Hansky ihr erstes Duett, sie füllen den Raum mit der Musik. Es folgt „La Habanera“ aus Bizets „Carmen“ – auf Türkisch. Mittendrin knöpft Katarina Morfa ihren knallroten Mantel auf und wirft ihn auf den Boden. Dann verwandelt sich Bernhard Hansky in den Kellner Leopold aus dem „Weißen Rössel“. „Schauns den Sonnenschein, der leucht ins Herz hinein“, singt er.

„Jawoll“ ruft es aus dem Publikum. So nah ist man den Sängern sonst nie, selbst wenn man in der Oper in der ersten Reihe säße. Immer liegt der Orchestergraben zwischen der Bühne und dem Publikum. Das Licht und das Bühnenbild vergrößern die Distanz noch.

„Mein Herz habt ihr erobert.“

Aber hier sieht man die ausdrucksvolle Mimik der Sänger, das Spiel der Musiker. Später rufen die Alten nach einer Zugabe. Sakini Tolaz sagt, dass ihr Lebensgefährte vor zwei Jahren gestorben sei, und sie all diese Gefühle wie Liebe und Traurigkeit vergessen habe. Doch heute sei sie wieder daran erinnert worden.

Das Nachbarschaftshaus Centrum in der Falckensteinstraße ist die nächste Station. Hier gibt es Müttertreffs, hier lassen sich Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder beraten, es gibt Hausaufgabenbetreuung. Viele der Leute, die hierher kommen, haben türkische Wurzeln.

Von dem kahlen Raum aus, in dem die Künstler auftreten, sieht man eine Brandmauer bedeckt von Graffiti. Pavel Jiracek erzählt, dass es in der Komischen Oper Bildschirme gibt, auf denen man das, was gesungen wird, mitverfolgen kann, auch auf Türkisch.

Fikret ist elf und kommt eigentlich zum Fußballspielen her. Aber nun sitzt er in der ersten Reihe und als die Vorstellung zu Ende ist, ist er es, der die meisten Fragen hat. „Warum reden die Musiker nicht?“- „Wie heißt dieses Instrument“, fragt er den Bajan-Spieler.

Von dem Kontrabassspieler will er wissen, warum er sich ausgerechnet für dieses Instrument entschieden hat. Und wie schwer es ist. Die Frauen fragen nach der Adresse der Oper, nach den Preisen für die Karten. Eine sagt: „Also, mein Herz habt ihr erobert.“ Das Operndolmus scheint zu funktionieren.