Im Visier: Marcel Graf sagt, dass bei der Stadtjagd die Sicherheit die alles entscheidende Rolle spielt.
Foto: Volkmar Otto

BerlinDiesem Mann sollte man nachts lieber nicht begegnen. Er ist zwar nicht übermäßig groß oder bullig, sondern drahtig, und er tritt auch stets ruhig und höflich auf. Trotzdem könnte eine Begegnung seinen Mitmenschen einen gehörigen Schrecken einjagen: Denn das, was Marcel Graf nachts über der Schulter trägt, ist in hiesigen Städten völlig unüblich und für die meisten ziemlich angsteinflößend: ein Gewehr.

Es sieht modern aus und stylisch, vollkommen schwarz – mattschwarz –, so wie manche Geländewagen, die dadurch bedrohlich wirken. Das Gewehr hat auch ein Zielfernrohr und einen großen Schalldämpfer wie im Film. Man könnte diesen Mann glatt für einen Scharfschützen halten, doch Marcel Graf ist Jäger. Besser gesagt: einer von etwa 30 Stadtjägern in Berlin.

In dieser Sommernacht will er in Rahnsdorf auf Pirsch gehen, im Südosten Berlins. Doch davor ruft er die örtliche Polizeiwache an. „Hallo, Stadtjäger Graf hier. Ich wollte mich anmelden. Ich schaue nach Wildschweinen. Wenn ein Schuss fällt, melde ich mich.“

Es ist 23.37 Uhr. Die Jagd beginnt. Graf schultert sein Gewehr, öffnet den Kofferraum und sagt zu seinem Hund Harvey: „Komm, mein Junge, wir gehen Schweinchen suchen.“

Bevor die Pirsch beginnt und damit das große Schweigen, erzählt Graf über die besonderen Herausforderungen für Stadtjäger, die vor allem Wildschweine jagen sollen. Diese haben oft wenig Scheu vor Menschen, graben Gärten um, holen sich alte Lebensmittel vom Kompost oder Insekten aus den Haufen weggeworfenen Grases. Es gibt so viele Wildschweine, dass das Füttern mit 5000 Euro Strafe geahndet wird. „Wir sollen das Wild auch von den Straßen fernhalten, um die Zahl der Unfälle zu senken“, sagt Graf.

Eigentlich ist die Jagd in Siedlungen – den sogenannten befriedeten Gebieten – verboten. Dort darf sie nur von besonders geschulten Jägern wie Graf ausgeübt werden. Im Jagdjahr 2019/2020 wurden in Berlin nach Angaben des Senats 1563 Wildschweine erlegt.

23.58 Uhr. Marcel Graf steht unter einer Laterne. Das Straßenschild ganz in der Nähe trägt den passenden Namen „Hegemeisterweg“. Er holt eine kleine Flasche heraus und lässt etwas Puder fliegen, um die Windrichtung zu prüfen: „Wir gehen immer gegen den Wind oder im halben Wind, damit das Wild uns nicht wittert.“ Nun läuft er die letzte Straße zwischen der Siedlung mit den Menschen und dem Wald mit den wilden Tieren entlang.

Er erzählt, dass er meist von 23 Uhr bis morgens 4 Uhr unterwegs ist. „Wenn Berlin im Bett liegt und schläft, beginnt draußen auf den Straßen das wirkliche wilde Leben, besonders am Stadtrand.“ Beispielsweise seien Wildschweine nachtaktiv.

Die Behörden sprechen ganz gezielt Jäger an, die sie für besonders geeignet halten, und fragen sie, ob sie Stadtjäger werden wollen. „Wir werden offiziell als Wildtiermanager bezeichnet, weil wir die Leute auch beraten, wie sie mit Tieren wie Fuchs, Waschbär und Wildschwein umgehen sollen“, sagt er. „Unsere Arbeit ist ehrenamtlich.“

Er betont, dass die Sicherheit bei der Stadtjagd die alles entscheidende Rolle spielt. „Jeder Jäger muss sich vor jedem Schuss fragen: Was passiert mit dem Geschoss, wenn es den Lauf verlässt. Ein guter Jäger definiert sich nicht darüber, wie viele Tiere er erlegt, sondern ob er den Finger auch mal gerade lässt.“ Denn die Sicherheit und das Tierwohl stünden immer an erster Stelle. Sicherheit bedeutet auch, das Tier mit einem einzigen Schuss zu erlegen.

Und dann ist da noch der Mensch. Die Geschosse haben unheimlich viel Energie, können irgendwo abprallen und als Querschläger jemanden treffen. „Selbst, wenn ein Geschoss den Körper eines Tieres durchschlagen hat, kann es einen Menschen verletzten oder gar töten“, sagt Graf.

0.11 Uhr. Der Jäger geht in eine der vielen schnurgeraden Seitenstraßen, die in die Stadt führen –Einfallschneisen für Wildschweine. Überall sind Hindernisse wie Elektrokästen, Autos, Bäume und Büsche, und überall sind Stellen, an denen Leuten aus ihren Grundstücken kommen können, Einfahrten und Fußwege. In weiter Ferne schlendert ein Pärchen über die nächtliche Straße. „In der Stadt ist das Gefährdungspotenzial noch einmal deutlich größer als im Wald“, sagt Graf.

Auf der Pirsch: Stadtjäger Graf mit seinem Gewehr mit Schalldämpfer.
Foto: Volkmar Otto

Die Jagd gehört zu den ältesten Berufen der Menschheit, hat heute aber bei vielen eher einen schlechten Ruf. „Jäger sind Mörder“ – mit diesem Vorwurf müssen sich Waidleute auseinandersetzen. Als Mord gilt die vorsätzliche Tötung von Menschen aus niederen Beweggründen. Von Tieren ist im Gesetz nicht die Rede. Sonst würden sich 90 Prozent der Bevölkerung ständig der Beihilfe zum Mord schuldig machen, denn auf Fleisch verzichten bundesweit nur die knapp sechs Millionen Vegetarier und fast eine Million Veganer.

Trotzdem könnten die Vorwürfe kaum härter sein: Die Gegner der Jagd sprechen vom „Krieg gegen die Tiere in den Wäldern“ und bezeichnen den Jagdschein als „Lizenz zum Töten“. Die Befürworter entgegnen, diese Prüfung sei das „grüne Abitur“, weil Jäger in Naturfragen besser ausgebildet seien als die meisten freiwilligen Tierschützer.

Die Gegner zitieren gern Karin Hutter aus ihrem Anti-Jagdbuch „Ein Reh hat Augen wie ein sechzehnjähriges Mädchen“. Dort heißt es: „Der Jäger liebt die Natur wie der Vergewaltiger sein Opfer.“

Die Befürworter der Jagd entgegnen, dass selbst Veganer, die zum Beispiel lieber Avocados als Fleisch essen, oft vergessen, dass für ihr Essen die Wälder der Orang-Utans oder anderer seltener Tiere abgeholzt werden.

Graf schüttelt den Kopf. Er kennt all diese Vorwürfe und sagt: „Die Jagd ist für mich geprägt von einer tiefen Verbindung zur Umwelt, ist geprägt durch Liebe und Leidenschaft zur Natur.“ Er nennt es eine Beziehung basierend auf Freiheit, Freundschaft und Faszination.

0.24 Uhr. Graf geht weiter und schweigt. Harvey läuft neben ihm her. Ohne einen Ton. Der Hund gehört zur Rasse Deutsch Drahthaar, die zu den besten Jagdhunden gehört und als besonders gutmütig gilt. Graf hält sich fast die gesamte Zeit ein kleines Wärmebildgerät vors Auge. Das ist auch nötig, denn die spärlichen Laternen erleuchten nur die Blätter der vordersten Baumreihe. Dahinter ist es tiefschwarz. Rechts des Weges flimmern die Fernseher hinter den Fenstern, Graf hebt die Hand und zeigt nach links in den Wald. Dort hat er etwas gehört, was nur Jäger hören. Er schaut eine Weile durch sein Wärmebildgerät, dann flüstert er: „Ein Waschbär.“

Die Gegner sehen Jäger als rücksichtslose bewaffnete Menschen, die im Wald willkürlich und hinterrücks unschuldige Tiere abknallten – „Bambi-Killer“ eben. Die Befürworter sagen, dass Jäger nicht willkürlich töten, dass ein Jagdbeirat für jedes Revier Abschusspläne für die Tiere festlegt, die nur in den erlaubten Jagdzeiten geschossen werden dürfen.

Nur bei Wildschweinen gibt es keine Quote, denn es gibt so viele davon, dass die Bestände möglichst stark reduziert werden sollen. Vor allem jetzt. Denn es besteht die akute Gefahr, dass die Tiere die bereits nahe der polnischen Grenze grassierende Afrikanische Schweinepest einschleppen. Die Krankheit ist für Menschen zwar ungefährlich, könnte aber zum Super-GAU für die heimische Fleischindustrie werden, wenn sie in die Ställe gelangt.

0.36 Uhr. Graf geht immer weiter. Die Straßenlaternen ragen bis in die Baumkronen und werfen wilde Schatten auf den Boden. Leise rauscht in der Ferne der Verkehr der Großstadt, noch rattert alle paar Minuten eine S-Bahn vorbei. Plötzlich sagt Graf: „Da, ein Fuchs.“ In der Ferne ist mitten auf der Straße nur ein blasser Fleck zu erkennen. Graf reicht sein Wärmebildgerät herüber. Ganz deutlich ist der Fuchs nun zu sehen. Harvey schnuppert am Boden und nimmt die Fährte auf, gibt aber keinen Ton von sich. „Füchse schießen wir nur, wenn sie krank sind oder verhaltensauffällig“, sagt Graf.

Nun kommen zwei Leute auf Fahrrädern angefahren. Sie erzählen unentwegt. Der Fuchs geht ein paar Schritte in den Wald. Auch der Jäger tritt zurück in den Schatten. Die beiden Leute radeln lachend weiter und bekommen von all dem nichts mit.

Graf läuft unermüdlich weiter. Leise, den Blick immer auf den Wald gerichtet. Klischeehaft stellen sich die meisten einen Jäger als älteren, etwas dicklichen Herren vor, der die halbe Nacht auf einem Hochsitz wartet, bis ihm Wildschweine oder Rehe vor die Flinte laufen. Marcel Graf ist ziemlich anders: 34 Jahre alt, schlank, grünes Jägerhemd, leicht defekte Jeans, dazu eine modische Frisur, ein halblanger Hipster-Bart und eine Ray-Ban-Sonnenbrille. Er wartet auch nicht auf das Wild, sondern stellt ihm nach. Bei jeder Pirsch läuft er bis zu 15 Kilometer.

0.47 Uhr. Die S-Bahn lärmt nur noch selten vorbei. Dafür knattert ein altes Moped durch die Siedlung. Der Himmel ist sternenklar. Graf patrouilliert immer an den Rändern der Siedlungen entlang. Die Wildschweine sollen abgeschreckt werden, bevor sie gute Fressplätze in den Gärten gefunden haben. „Sie sollen lernen: bis hierher und nicht weiter. Sie sollen diesen Ort meiden.“ Graf erlegt in seinen Stadtrevieren in Köpenick, Steglitz und Zehlendorf etwa 50 Schweine im Jahr.

Es geht hier nicht um eine wilde Jagd. Es geht um Geduld, Ausdauer, Konzentration und Ruhe. So tritt Graf auch auf, wenn er Leuten erklärt, dass der beste Schutz vor einem Wildschwein im Garten nicht das Gewehr ist, sondern ein guter Zaun. Mit Ruhe und Klarheit gibt er sein Wissen weiter. Es ist zu merken, dass es bei ihm, trotz seines jungen Alters,  schon recht altes Wissen ist. „Ich war im Alter von sieben Jahren das erste Mal auf der Jagd mit meinem Großvater“, erzählt er. „Ich bin Jäger in dritter Generation und habe alles von Kindesbeinen auf gelernt. Oft holte mich mein Großvater am Freitag von der Schule ab und dann waren wir das ganze Wochenende draußen.“

0.59 Uhr. Plötzlich hebt er den Arm. Sein Stopp-Zeichen ist eindeutig. Er geht zur Waldkante, schaut durch das Wärmebildgerät. Aus der Ferne ist unklar, was er sieht. Nun verschwindet er mit Harvey in der Grünanlage und bleibt eine gefühlte Ewigkeit verschwunden.

Graf ist wirtschaftlich umtriebig. Er studierte Betriebswirtschaft und fing parallel mit 19 Jahren bei Til Schweiger in dessen Filmproduktionsfirma an. Anfangs arbeitete er am Set, dann kümmerte er sich um das Marketing der Filme. Später etablierte er den Online-Shop Barefoot-Living, der Einrichtungsgegenstände und Produkte im Stil von Schweiger verkaufte. Parallel gründete er eigene Firmen, vermarktete dort zum Beispiel Kaugummi als eine Art „Bionade zum Kauen“, gründete ein Architekturbüro und ein Restaurant mit.

Irgendwann wollte er mehr in der Natur sein und stellte fest, dass die Jagd die längste Konstante in seinem Leben ist. Er bezeichnet es nicht als Hobby, sondern als Passion. Nun ist er hauptberuflich Jäger.

Neben der Stadtjagd hat Graf noch ein Jagdrevier bei Erkner, betreibt die Firma „Huntsman and the Butcher“, also Jäger und Metzer, in der er angehende Jäger ausbildet und auch sein Fleisch an Restaurants vertreibt. Die Grundlage  ist die Gewaltausübung mit dem Gewehr. Der tödliche Schuss.

Graf kommt wieder aus dem Park, schnell, aber nicht gehetzt. „Vielleicht ein Schwein, aber noch ein ganzes Stück entfernt“, flüstert er. „Wir gehen weiter. Los.“

Unterwegs sagt er: „Die Natur hat uns nicht als Vegetarier geboren. Wir sind nun mal Allesfresser.“ Aber er erzählt auch, dass er selbst meist Vegetarier ist, dass er zum Beispiel keinen Döner isst, sondern Falafel, weil er seit fünf Jahren konsequent auf Fleisch aus der Massentierhaltung und aus dem Supermarkt verzichtet. Wenn Fleisch, dann nur von selbst erlegten Tieren. Er hat 2018 auch ein Restaurant im Berliner Bötzow-Kiez mitgegründet. Dort gibt es vor allem vegetarische vietnamesische Küche. Aber wenn jemand Fleisch will, dann nur Wild, das Graf erlegt hat. „Da kommen auch mal Veganer, die bei uns das erste Mal wieder Fleisch probieren“, erzählt er im Flüsterton.

Nach dem Schuss: Marcel Graf zerlegt das Wildschwein.
Foto: Volkmar Otto

1.12 Uhr. Wieder hat er ein Knacken im Wald gehört. Stopp. Zurückbleiben. Er geht davon, schaut lange durch das Wärmebildgerät. Dann nimmt er das Gewehr von der Schulter und zielt durchs Zielfernrohr. Die Stille vor dem Schuss. Sie dehnt sich immer weiter. Dann nimmt er die Waffe wieder herunter und verschwindet mit Harvey.

Einige Leute finden, dass Männer und Frauen wie er schwer gestört sind. Auf Internetseiten, die für die Abschaffung der Jagd werben, wird der erste Bundespräsident Theodor Heuss zitiert: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit.“

Jäger entgegnen, der Mensch sei nun mal ein Teil der Natur. In der Fachpresse schreiben Jäger Sätze wie: „Mensch zu sein, heißt Jäger zu sein.“ Einige fordern, dass ihr Handwerk und die Falknerei zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt werden.

Die Gegner antworten, die Menschen hätten auch schon immer Kriege geführt und niemand fordere, Kriege zum Kulturerbe zu erklären. Sie werfen den Jägern vor, dass sie nur ihre archaischen Triebe ausleben, sprechen von Jagdfieber und Lustmord.

1.23 Uhr. Graf kommt wieder aus dem Wald. Kein Schuss ist gefallen. Er ist kein bisschen aufgeregt oder hat aufgerissene Augen oder ist hektisch. Er winkt uns zum Wald. Der Blick durch das Wärmebildgerät verrät, dass da eindeutig eine ziemliche starke Wärmequelle ist. 20 Meter entfernt. „Ein Keiler, etwa 70 Kilo. Ich war bis auf zehn Meter ran. Dann ist er abgedreht und bewegt sich wieder in den Wald hinein.“

Graf geht weiter die Straße entlang und will schauen, ob der Keiler an einer anderen Stelle den Durchbruch in die Stadt versucht. Und wie ist es, ein Tier zu töten? „Zu töten ist nichts Schönes“, sagt Marcel Graf, ohne zu überlegen. „Das Töten muss wirklich niemand verherrlichen, aber es ist schon ein sehr großer Unterschied, ob wir ein Tier, das bislang frei im Wald gelebt hat, mit Respekt und Würde erlegen oder ob es bei einer Massenschlachtung in der Massentierhaltung umgebracht wird.“

Er sagt, dass er voll akzeptiere, wenn jemand Veganer sei und die Jagd kritisiere. „Aber es regt mich auf, wenn uns jemand als blutrünstige Mörder bezeichnet und dann im Supermarkt das Kilo Schweinehack für 2,99 Euro kauft und nicht daran denkt, dass das mal ein Tier war.“ Graf hat seiner Jagd-Philosophie das Kürzel „N3“ gegeben.

1.41 Uhr. Doch bevor er das näher erklären kann, stoppt er wieder. Er läuft ein kleines Stück in den Wald und sucht. „Der Keiler macht das einzig Richtige“, sagt er. „Er verschwindet immer tiefer im Wald. Ich jage ihn nur, wenn er hier in die Ortschaft kommt. Der Wald ist sein Revier. Also Abbruch.“

Nun kann er in Ruhe erklären, was er mit der Jagdphilosophie N3 meint: Nachhaltigkeit, Naturschutz und Nahrung. „Gerade weil ich mich gesund ernähren will, esse ich nur selbstgeschossenes Wild. Bei der Jagd bist du so nahe dran am Tod, dass du den Tod bewusst wahrnimmst und Respekt vor dem Tier hast.“ Deshalb werde vom Tier auch alles ganz nachhaltig verwertet. „Wenn du weiß, wie viel Arbeit es macht, fragst du dich schon, ob es jeden Tag Fleisch sein muss.“ Graf hat einen Vergleich. Kaminholz machen: den Baum fällen, zersägen, das Holz aus dem Wald schleppen und stapeln, und dann drei Jahre warten, bis es trocken genug ist zum Verfeuern. „Wer den Aufwand kennt, der fragt sich abends vor dem Kamin schon, ob er gedankenlos weiter Holz verfeuert oder schnell dicke Socken anzieht.“

Mit Naturschutz meint er, dass Jäger beim Waldumbau helfen und Rehe jagen. Denn die fressen die jungen Triebe der Bäume ab und verhindert so, dass sich die Wälder aus fast reinen Kiefernforsten in Mischwälder wandeln. „Jäger sind die Einzigen, bei denen die Hege von Wild und Wald im Statut steht“, sagt er. „Wir freuen uns über eine intakte Natur, in der sich das Wild wohlfühlt. Davon haben wir dann einen sekundären Nutzen und schießen einige wenige Tiere.“

Das Ende: ein Wildschwein-Burger.
Foto: Volkmar Otto

1.56 Uhr. Nun geht’s auf Gummipirsch, gemeint ist die Suche mit Auto und Wärmebildgerät. Immer an den Wäldern und Parks vorbei. Wir sehen Katzen, Waschbären und Rehe. Aber kein Schwein. Graf sagt, dass die natürlich da seien, aber wegen des vielen Laubs schwer zu sehen sind.

Die einen fordern, auf die Jagd zu verzichten. Die Jägerschaft bezeichnet dies als idyllische Verklärung der Natur, in der sich alle Tiere lieb haben und in der kein Tier stirbt – wie im Trickfilm. Die Realität sehe nun mal anders aus. Auch Graf sagt, dass die Welt etwas differenzierter sei als Schwarz-Weiß und dass das da draußen gar keine unberührte Natur sei.

Sein Beispiel: Viele Bürger wollen mehr Grüne Energie, deshalb werden viele Biogas-Anlagen gebaut und riesige Maisfelder angelegt. „Dort vermehren sich die Wildschweine prächtig und auf dem Lande ist der Druck so groß, dass immer mehr Schweine in die Stadt drängen“, sagt er. „Unser Auftrag ist es dann, das vom Menschen definierte Gleichgewicht in der vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaft zu erhalten.“

Ganz zum Schluss fährt er an eine riesige Wiese am Rande von Friedrichshagen, die die Schweine gern als Einfallschneise nutzen. Harvey ist so müde, dass er gar nicht aussteigen will. Das Nachtsichtgerät zeigt zwei klare Wärmequellen. Wir pirschen uns an. Irgendwann sagt Graf: „Eine Ricke mit Rehkitz. Also Abbruch.“

Auch hier fällt kein Schuss. Das würden manche als Misserfolg werten. Nicht so Marcel Graf. „Es muss schon einiges zusammenkommen, damit ein Jäger auch Beute macht. Gerade die Stadtjagd ist richtig harte Arbeit. Wenn es so einfach wie ein Computerspiel wäre, könnte es jeder.“

Manche Jäger vergleichen eine gute Jagd mit gutem Sex. Graf findet den Vergleich unpassend. „Als Jäger mache ich schon gern Beute, aber es ist kein Lustgewinn.“ Die Befriedigung ziehe er daraus, dass er sein Handwerk gut ausübe – und dass er nach eigener Aussage bei jedem Schuss trifft.

2.11 Uhr. Harvey schläft im Auto. „Dass kein Schuss gefallen ist, zeigt doch, dass sich meine Arbeit auszahlt“, sagt Graf. „Vor drei Jahren gab es hier noch viel mehr Wildunfälle und mehr Wildschweine in Gärten.“

Berlin schläft. Niemand ist auf den Straßen unterwegs. Die Jagd ist zu Ende, und doch wäre fast noch ein Tier gestorben. Als Graf gemächlich durch die Straßen fährt, schießt plötzlich eine Katze auf die Fahrbahn, doch er kann noch rechtzeitig bremsen. „Das war knapp“, sagt er. „Glück gehabt, Katze.“