Das ist jetzt eine andere geostrategische Lage. Deutschland braucht eigene Atomwaffen. Bis vor ein paar Wochen stand so etwas eher nicht in der Zeitung, zuletzt mehrmals und aus allerlei Quellen. FAZ, ARD, CDU. Als frischgebackener Anführer der freien Welt, heißt es, müsse die Nation Verantwortung übernehmen und dem russischen Bären die Tellereisen zeigen. Anscheinend reicht es für glaubwürdige Abschreckung nicht, Sigmar Gabriel ins Außenamt zu versetzen.

Das Vaterland lagert bereits nukleare Sprengköpfe. Auf einem Fliegerhorst in der Eifel, jedoch unter amerikanischer Kontrolle. Sie unterstehen mithin dem Fürsten der Finsternis. Das heißt, wenn Angela Merkel morgen früh auf den roten Knopf drückt, passiert gar nichts. Bestenfalls fahren die Büro-Jalousien herunter. Das wäre im Krisenfall nur ein Teilerfolg.

Aber würde der Feind die neue Atommacht überhaupt fürchten? Als die Verteidigungsministerin letzte Woche vom Frontbesuch aus Litauen zurückschweben wollte, war gleich mal ihr nagelneuer Airbus-Truppentransporter kaputt. Der Stolz der Luftwaffe, ein Montagsprodukt. Warum sollten die Kernwaffen der Deutschen besser funktionieren als ihre Sturmgewehre? Andererseits: Wenn sie etwas können, dann doch wohl Raketen. Das walte Wernher von Braun.

Letters of Last Resort

Ich bin zuversichtlich. Bürokratische Hemmnisse wie der Atomwaffensperrvertrag oder das Kriegswaffenkontrollgesetz lassen sich überwinden. Die Bundesregierung hat bewiesen, dass sie mit hinderlichen Rechtsnormen kreativ umzugehen vermag – zuletzt bei der Deregulierung von Migrationsprozessen. Schlechter sieht es bei der Beschaffung aus. Die USA, Großbritannien und Frankreich haben wegen gewisser historischer Erfahrungen womöglich keine Lust auf eine Teutonenbombe. Russland geht gar nicht. Notfalls müsste man auf nordkoreanisches Know-how zurückgreifen. Auch eine Eigenentwicklung wäre dankbar. Statt sie bis 2022 abzuschalten könnte Deutschland seine Kernkraftwerke mit Triebwerken und Abschussrampen versehen. Ein unterirdisches Testgelände wäre angenehm. Vielleicht lässt sich so das Atommüll-Lecklager Asse loswerden.

Bekommen dann auch Bundeskanzler Adjutanten, die ihnen die Armageddon-Bedienungsanleitung hinterhertragen? In den USA nennen sie den Atomkoffer „Football“. In Russland heißt er „Tscheget“. Für das deutsche Modell könnte ich mir den Namen „Laschet“ vorstellen. Das klingt treu, servil und unverwüstlich. Sollten die Grünen mitregieren, wäre es kein Behältnis aus Plastik oder Krokodilleder, sondern ein nachhaltiger Jutebeutel.

Elegant lösen es die Briten. Sie haben vielleicht keinen Geschmack, aber Stil. Jeder Premierminister schreibt eigenhändig Briefe an die Kommandanten der vier nuklear bewaffneten U-Boote der Royal Navy. Diese Letters of Last Resort dürfen an Bord erst geöffnet werden, wenn London abgeschafft oder nicht mehr erreichbar ist. Darin steht, ob die Soldaten zurückschlagen, selbst entscheiden oder am Strand von Bali abwarten sollen, bis der Quatsch vorüber ist. Für das Verfahren sollte der Regierungschef keine Sauklaue haben, sondern eine gut leserliche Handschrift. So wie ich Martin Schulzens Machtwillen und Selbstgewissheit einschätze: Er übt schon.