Kommentar: Antisemitismus und Verschwörungsmythos in Deutschland

Typisch November: das graue Wetter, grippale Infekte und der deutsche Schicksalstag. Ich mag diesen Begriff nicht. Wetter mag schicksalhaft sein, doch der 9. November ist es keineswegs. Weder die Maueröffnung 1989 noch die antisemitischen Pogrome 1938 kamen über das Land wie ein Naturereignis. Beides hatte menschengemachte Ursachen. In der Wahrnehmung jedoch unterscheiden sich diese Anlässe gründlich. So sehr die Maueröffnung als ein Akt der deutschen Selbstbefreiung gefeiert wird, so wenig ist uns bewusst, dass die Ursachen der Pogromnacht bis heute virulent sind.

Antisemitismus und Verschwörungsmythos sind noch immer wirksam. Beides gehört zusammen. Ein zentrales Element des Antisemitismus war und ist der Glaube an Verschwörungen. Es liegt in der Natur solcher Ideologien, dass sie die Schuld an allem Übel da suchen, wo sie Macht, Einfluss, Geld und den aktiven Willen zum Bösen vermuten. Dafür wurden immer die Juden benutzt. Und heute? Heute nennt man sie – mal von rechts, mal von links und mal direkt von gegenüber – Zionisten oder Imperialisten.

Wer auf diese Art antisemitisch ist, braucht sich um den Rest nicht zu kümmern, und das ist sehr praktisch. Er muss für nichts Verantwortung übernehmen. Stattdessen hat er Zeit, sich der Wut auf die vermeintlichen Verursacher der zentralen Probleme dieser Welt hinzugeben.

Ohne das Post- oder Antifaktische würden Verschwörungsfantasien nicht funktionieren

Die Verschwörungsideologie ist die Mutter alles Post-Faktischen, von dem heute so viele im Zusammenhang mit Donald Trump reden. Ohne das Post- oder Antifaktische würden Verschwörungsfantasien nicht funktionieren. Und wir leben heute in einer Zeit, in der schräge Welterklärungen und wilde Spekulationen, an deren Ende immer irgendein Jude die Fäden zieht, zu unserem Alltag gehören. Wer kann da behaupten, Antisemitismus wäre heute nicht relevant? Wie er sich ausdrückt, ist rasch aufgezählt.

Die Vertreter der Unesco bestreiten, dass der Tempelberg in Jerusalem irgendetwas mit der Geschichte der Juden zu tun habe. Das ist so, als würde man behaupten das Meer hätte nichts mit Wasser zu tun. Oder: Rechtsextreme, ob hardcore oder in softerer Gestalt, halten die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel für eine Einflüsterung mächtiger Juden, die so das deutsche Volk ausrotten wollen. Oder: Viele Jugendliche denken, dass die Juden alles zu verantworten haben. Kriege oder schlechte Noten in der Schule – die Juden haben stets ihre Hände im Spiel. Amerika gleich Israel gleich Schuld an Krieg, Rassismus, Not oder kaputten Schultoiletten. Was es auch sei – der Jude ist schuld.

Zu allen Zeiten gefährdet der antisemitische Verschwörungsglaube nicht allein die Juden, sondern jeglichen Weg zu Fortschritt und Emanzipation. Die Moderne und ihren Optimismus zu zerstören, war immer das Ziel der Antisemiten. Heute zeigt er sich im Post-Faktischen wie in der anti-modernen Hysterie gegen Globalisierung. Ich wünschte, die Selbstbefreiung von 1989 würde fortdauern, indem sie sich heute gegen den allgegenwärtigen verschwörungstheoretischen Unsinn wehrt. Wie wäre Folgendes: Jeder von uns macht am 9. November wenigstens ein Mal den Mund auf und widerspricht dem Wahn von jüdischen Weltverschwörungen. Wäre das nicht eine zeitgemäße Möglichkeit, der Pogrome von 1938 zu gedenken?