Der Berliner ist kein Patriot.  Er ist ein Kiez-Patriot. Und diese mikrokosmischste Form von Lokalpatriotismus kann ganz schön anstrengend sein.

Jeder wohnt immer im besten aller Kieze, überall anders ist alles doof.  Und überhaupt war vor dem letzten Umzug alles besser. Stimmt ja auch. Denn, ganz ehrlich, bevor ich von Weißensee weg in meinen jetzigen Kiez gezogen bin, kannte ich nur diese Seite des Kiez-Patriotismus, auf der man spielerisch-heroisch seinen Heimat-Mikrokosmos verteidigt und auch irgendwie stolz ist dabei.

Seit ich umgezogen bin, kenne ich die andere Seite. Dass man nicht nur nicht stolz ist, sondern gar nicht sagen will, wo man wohnt. Denn: Ich wohne jetzt in einem jener Kieze, der, na sagen wir mal „vorbelastet“ ist. Immer, wenn der Name meines Bezirksteils genannt wird, oder, schlimmer noch – jaja – in der Zeitung steht, dann haben die Menschen sofort Bilder im Kopf. Die passen oft gar nicht zusammen, mit dem, was ich als Bewohnerin hier so erlebe. Aber Bilder sind ja immer stärker als Worte.

Ein vorbelasteter Kiez sorgt für vorbereitete Schubladen

Warum ich so weit aushole? Um jenes Dilemma verständlich zu machen, in das ich stets gerate, wenn mich jemand fragt, wo ich jetzt wohne. Es fragen ja nur Leute, die man noch nicht so gut kennt. Und so ein vorbelasteter Kiez, der sorgt dafür, dass ich ja gleich in die schon vorbelastet-vorbereitete Schublade des Fragenden gerate. Zumindest nehme ich das an. Also weiche ich aus. Ich nenne den Nachbarkiez zuerst. „Ich wohne an der Grenze zu…“, stammle ich.

Der Nachbarkiez hat nämlich naturgemäß auch Grenzen zu anderen, nicht so vorurteilsbeladenen Bezirken und Bezirksteilen. Manchmal versuche ich es  auch subtiler. Ich erzähle dann, dass ich mich nachts nicht quer über den kleinen Platz in der Nähe meiner Wohnung zu gehen traue. Weil es so dunkel ist und neulich erst einer meiner Freunde überfallen wurde. Oder von der Union-Fußballkneipe in meiner Straße, in der ältere, meist männliche Kiezbewohner an Spieltagen schon ab Mittag bei Molle und Korn auf den Anpfiff warten.

Manchmal, wenn mir die Schubladengefahr übergroß erscheint, erzähle ich sogar, dass es in meinem Kiez auch Plattenbauten gibt und frage, ob man den Volkspark kennt. Die meisten kennen ihn nicht. Denn der Volkspark Prenzlauer Berg und die Plattenbauten nahe der Greifswalder Straße, hinterm Schwimmbad, die passen nicht in die Schublade. Vielleicht, weil sich darin schon zu viele Schwaben vom Kollwitzplatz befinden? Ist ja auch okay. Ich  bin ja auch die zugezogene Wienerin in Prenzlauer Berg.