Über Berlins Politik und Berlins Politiker lässt es sich leicht lästern. Ha, die bauen den Flughafen ja niemals fertig! Haha, über das Lageso-Chaos wird sogar in New York abgelacht! Hahaha, die kriegen gar nichts auf die Reihe außer  Selbstbedienung und Vetternwirtschaft!

Immer feste druff, macht Laune. Wer auf diesem Niveau kritisiert, wird nie ganz unrecht haben und stets Freunde, Fans, Follower finden. Schließlich ist Berlins rot-schwarze Landesregierung laut Umfragen die am wenigsten geschätzte bundesweit. Da geht immer noch einer mehr.
Es wirkt außerordentlich skurril, dass zeitgleich zur größten Unzufriedenheit mit dem Berliner Senat die Stadt einen wirtschaftlichen und demografischen Boom erlebt wie seit knapp 100 Jahren nicht mehr.

Die Stadt wächst, ohne einen einzigen Flüchtling mitzuzählen, Jahr für Jahr in 50 000er-Schritten. Die Zuzügler kommen ebenso freiwillig wie die Abermillionen Touristen, die das Zentrum stürmen. Die Wirtschaft wächst, im ohnehin starken Deutschland, weit überdurchschnittlich. Es gibt immer mehr gute Jobs, die Arbeitslosigkeit sinkt spürbar. Natürlich: Berlin ist nach wie vor sozial zerrissen, bleibt die Hauptstadt der Stützeempfänger, hat zu wenige günstige Wohnungen, die Integration funktioniert längst nicht überall, die Verwaltungen sind oft überfordert. Doch Berlin wird niemals Wiesbaden werden.

Dass die Landespolitik, und zwar Regierung wie Opposition, gar nichts mit dem Boom der Stadt, aber alles mit ihrem Versagen zu tun hat, wäre eine absurde These. Berlins Politiker und Parteien sind nicht besser und nicht schlechter als die anderer Bundesländer. Die Hauptstadt wird von einer Koalition der Mitte regiert, die gerade in den vergangenen Monaten einige Fehlleistungen produziert hat, deren Bilanz aber, was die Wende in der Wohnungspolitik angeht oder die Investitionen in Bildung und Sicherheit, durchaus vorzeigbar ist.

Die etablierte politische Mitte in Berlin – zu der hier auch die meisten Linken, Grünen, sogar Piraten zählen – muss sich keinesfalls verstecken. Und sie sollte  es auch nicht. Denn am 18. September 2016, am Tag der Berlin-Wahl, gilt es für alle, diese demokratische Mitte in der größten deutschen Stadt zu verteidigen. In einer Stadt, deren Selbstverständnis und Anziehungskraft aus Weltoffenheit und Liberalität besteht – und nicht aus Perfektionismus. In den nickligen Zänkereien des rot-schwarzen Senats, an denen beide Partner ihre Anteile haben, geriet zuletzt vieles davon aus dem Blick. Es wird Zeit, dass die politische Mitte wieder hart an den Problemen arbeitet. Und dem Wahlvolk diese harte Arbeit vorzeigt.