Manchmal überkommt mich Hass – unwillkürlich beim Autofahren. Wie eine Welle, der man nicht ausweichen kann, überschwemmt er alle Vernunft. Besonders rasant steigt sie hoch, wenn sich andere Autofahrer dominant, arrogant, ignorant verhalten. Wenn mich das überflutet, dann geht meine realistische Selbsteinschätzung flöten und ich könnte mich mit einem Droschkenkutscher prügeln! Nein, das ist kein Hass, sondern impulsive Wut, denn das Gefühl verschwindet nach Sekunden wieder. Richtiger Hass aber bleibt.

Gerade ist viel von dem Hass unterwegs, der keinen Impuls durch idiotische Verkehrsteilnehmer braucht. In den sozialen Medien tobt er sich aus. Die Leute scheinen diese Medien wie ein Auto zu benutzen. Sich in ihnen zu bewegen, bietet so viel Schutz, dass Fluchen viel leichter fällt als auf dem Gehweg. In den sozialen Netzwerken potenziert sich der Hass. Und so wird es bei politischen Themen besonders schlimm.

Hass kommt oft aus dem bürgerlichen Milieu

Der Hass entsteht nicht in Situationen, wie auf der Straße, er richtet sich gezielt gegen Menschen. Und es ist echter Hass. Besonders heftig wütet er gegen Flüchtlinge, Einwanderer, Juden oder Muslime, manchmal in Kombination mit misogynen, rassistischen oder homofeindlichen Ausdrücken. Und er kommt sehr oft aus dem bürgerlichen Milieu. Bildung also schützt nicht vor Hass, im Gegenteil.

Gebildeter Hass ist besonders übel, zynisch und hartleibig. Keinerlei Erfahrung unterfüttert ihn. Er ist gefangen in einer narzisstischen Ideologie, in der sich die Hasser selbst als Mittelpunkt des Universums sehen, um das herum sich alles andere dreht. Und weil das nicht der Realität entspricht, kommt der Hass hoch. Jeder einzelne von ihnen schmeißt seinen Stein in den See und schaut zufrieden zu, wie sich die Hasswellen ausbreiten. Wenn viele das tun, sieht es aus wie eine Überschwemmung. Doch es ist keine.

Hass ist langweilig. Er wird irgendwann heiser vom vielen Schreien und verschwindet als Teil der Geräuschkulisse unserer Wirklichkeit. Noch nie zuvor gab es in Deutschland so viele Kinder von Einwanderern, die heute in ganz normalen Jobs arbeiten: in Krankenhäusern, bei der Polizei, in Schulen, den Unis, den Redaktionsstuben, in Betrieben und Büros, in Agenturen und in der Verwaltung.

Es ist nicht alles toll, könnte besser sein, aber das Leben der 2010er-Jahre ist anders als das der 1990er oder gar der 1950er. Und so lange die demokratischen Institutionen funktionieren, wird es so weitergehen. Mehr Präsenz von Minderheiten, mehr Frauen in Führungspositionen, mehr urbane, kosmopolitische Substanz in der Gesellschaft. Es ist nicht so, dass ich die Schattenseiten dieser Gesellschaft nicht sehen würde, doch ausschließlich sie im Auge zu haben, verzerrt und lässt uns mit einem entstellten Bild des Lebens zurück.

Die angeblich naturgegebenen Vorteile, gebildet, weiß und männlich zu sein, sind keineswegs verschwunden, nur verändert sich das Gefüge in der modernen Gesellschaft. Und die so Getroffenen reagieren mit Hass. Wenn der gegen geltendes Recht verstößt, muss er geahndet werden. Dafür ist der Rechtsstaat da. Aber so aufgeregt und aufregend der Hass gegen Minderheiten sein mag, er ist und bleibt der langweilige Ausdruck neidischer, zänkischer und kleinherziger Menschen.

Anetta Kahane ist Gründerin und Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung