Am Sonntag wurde der erste Fall vom Corona-Virus in Berlin bekannt.
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BerlinNun haben wir Corona. Das konnte nicht ausbleiben in einer 3,8 Millionen reise- und kontaktfreudige Einwohner zählenden Stadt. Man hat sich an den Gedanken gewöhnen können, dass dieses neuartige Virus auch hier ankommen wird – aber nun muss man sich eingehender damit beschäftigen. Das fällt nicht leicht, denn die Situation ist „sehr dynamisch“, wie das Robert-Koch-Institut sagt. Will sagen: keiner weiß genau, was gleich passiert.

Wie also findet man den persönlichen Weg zwischen Seuchenangst und Gleichgültigkeit? Einerseits will man den neuartigen Virus nicht einfangen, den die Forscher noch nicht richtig kennen. Andererseits ist die Lust klein, das Leben radikal herunterzufahren und sich in die Isolation zu begeben.

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Die Sorge ist trotz allem da

Es steht ja steht nicht die Pest vor der Stadt. Die allgemeinen Verhaltensregeln sind vernünftig. Bei der Gelegenheit das Niesen in die Armbeuge ein für alle Mal zu lernen, hilft dem Nächsten wie der Allgemeinheit. Ebenso das Händewaschen.

Aber man sorgt sich doch um Angehörige, vor allem die Älteren, man fragt sich, ob man in die U-Bahn steigen darf, ins Kino gehen soll. Vieles wird auch weiter der Entscheidung des Einzelnen überlassen sein, man wünscht sich aber vom Nachbarn, Kollegen und all den Unbekannten, denen man zwangsläufig begegnet, sie mögen bedenken, was sie tun. So eine Epidemie erinnert durchaus daran, dass die Anhäufung von Individuen eine Gesellschaft bildet, in der man doch aufeinander angewiesen ist.

Fall Nummer 1 wirft Fragen auf

Vor allem wünscht man sich in solch einer Situation ein verantwortungsbewusst handelndes Gesundheitswesen. Können wir da in Berlin sicher sein? Am Corona-Tag Nummer 1 in Berlin konnte man Zweifel bekommen. Kann es wirklich sein, dass die Notaufnahme einer Klinik einen Mann mit Erkältungssymptomen unzureichend geschützt behandelt – obwohl klar war, dass der erste Coronafall jeden Moment vor der Türe stehen kann?

Kann es wirklich sein, dass sie den fiebrigen Mann nach Hause geschickt haben, obwohl das Ergebnis des Coronatests noch nicht vorlag? Ist das mit dem ganz normalen Notstand in den Notaufnahmen der Stadt zu erklären? Die Rettungsstelle des Virchow-Klinikums der Charité in Wedding musste erst einmal geschlossen werden.

Und kann es sein, dass der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin die Gesundheitsverwaltung am Montag bitten muss, den niedergelassenen Ärzten und fahrenden Ärzten des Bereitschaftsdienstes schnellstmöglich die im Coronafall notwendige Schutzausrüstung zur Verfügung zu stellen?

Kann es wirklich sein, dass erst die wenigsten Praxen angemessen ausgestattet sind? Seit wann wissen wir von der Ausbreitung dieser Krankheit? Seit fünf Minuten?

Nur durch Zufall entdeckt – ein Symbolbild

Zwölf Stunden hat Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) gebraucht, um die Öffentlichkeit mit den verfügbaren Informationen zu versorgen. Und dann sollen wir froh sein, dass der Fall doch noch „zufällig“ entdeckt wurde. Mit anderen Worten: Hätte alles noch blöder laufen können.

Das glaubt man sofort. Das Vertrauen in das ohnehin von Personal- und anderen Mängeln geschwächte System stärkt es jedenfalls nicht. Die Scham angesichts der Zustände vor und im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) während der Flüchtlingskrise steckt einem noch in den Knochen.

Bis zum Normalmodus dauert es noch etwas

Vor ein paar Tagen hat der Charité-Virologe Christian Drosten beruhigt, dass Covid-19 meist milde verlaufe, eine Art Erkältung sei, meist rasch überstanden oder von vorherein kaum zu spüren. Er verband das mit der Prognose, 60 bis 70 Prozent der Deutschen würden früher oder später Corona bekommen. Wirtschaft und Politik sollten sich einstellen.

Bevor sich die neue Krankheit wie Influenza oder HIV etabliert hat und alles auf Normalmodus geschaltet werden kann, bleibt Verwirrung angesichts einer Gefahr, die wie – seit Urzeiten immer mal wieder – wahrscheinlich aus einem Tier gekrochen ist. Sie erinnert uns daran, dass wir anfällige biologische Wesen sind – eben keine elektronischen Maschinen, deren Virenprobleme zwar lästig, aber nicht tödlich sind.