Kommentar: Darum geht der Dieselskandal an jungen Städtern vorbei

Abgasskandal, Dieselgipfel, fünf Millionen Nachrüstungen und drohende Fahrverbote – die Debatte um den Dieselmotor erregt die Gemüter der Autobesitzer und bringt Politiker in Erklärungsnot. Zu Recht. Doch es gibt auch noch diejenigen, die sich von der kompletten Diskussion reichlich unbeeindruckt zeigen: uns Junge, Urbane, die Selbstverwirklicher der Generation Y, denen angeblich ohnehin immer alles gleich ist. Und tatsächlich: Die Dieseldebatte geht an uns vorbei.

Das mag auf dem Land anders aussehen. Dort, wo die Züge – wenn überhaupt – nur im Stundentakt fahren, ist das Leben ohne Auto oft keine Option. Die jungen Menschen außerhalb der Städte sind in vielen Fällen weiterhin auf einen Wagen angewiesen. 

Kein Geld für eigene Autos

Doch für uns junge Städter ist schon seit Längerem klar, dass ein eigenes Auto – ob Diesel oder nicht – entbehrlich bis unnötig ist. 

Das zeigt auch die Statistik. Von den fast 1,2 Millionen zugelassenen Autos in Berlin befinden sich nur 69.393 im Besitz der unter 30-Jährigen. Das liegt sicher zu einem Teil daran, dass die Fahrzeuge einiger junger Menschen aus Versicherungsgründen auf ältere Verwandte zugelassen sind. Und die geringe Zahl ist auch auf die finanzielle Situation junger Städter zurückzuführen.

Wer durchschnittlich 21 Prozent – in beliebten Stadtteilen bis zur Hälfte – seines monatlichen Einkommens in die Wohnungsmiete investiert, hat schlicht kein Geld für einen eigenen Pkw. Und das Wichtigste: In einer Stadt wie Berlin hat es für viele auch keinen Reiz, auf ein Fahrzeug zu sparen. Hier kommt fast jeder auch ohne eigenes Auto bequem von einem Ort zum anderen, dank eines gut ausgebauten Nahverkehrsnetzes. Und natürlich lassen sich die Wege in der Stadt auch gut mit dem Rad zurückzulegen. 

Statussymbol Auto hat ausgedient

Zugegeben, auch wir brauchen ab und zu ein Auto – nur kein eigenes. Wir setzen stattdessen auf Carsharing-Modelle. Damit entfallen nicht nur Kosten wie die Kfz-Versicherung oder Ausgaben für die Instandhaltung, sondern auch die in einer Stadt wie Berlin äußerst lästige Suche nach einem gebührenfreien Parkplatz. Die geteilten Autos dürfen nämlich fast überall abgestellt werden. Was uns mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben lässt. 

Denn auch als Statussymbol hat das Auto ausgedient. Anders als für die Generation unserer Eltern, die noch stolz vom letzten Autokauf berichtete und in dem Familiengefährt einen Ausdruck des eigenen, wenn auch mäßigen Wohlstandes sah. Heute wollen wir gute Wohnungen, beeindruckende Reisen, Jobs, in denen wir uns selbst verwirklichen können, und genug Zeit dafür, uns um unser körperliches und seelisches Wohlbefinden zu kümmern – und natürlich darüber zu sprechen. Ein Auto hingegen ist ein reiner Gebrauchsgegenstand, ein praktisches Fortbewegungsmittel, doch besitzen wollen wir es eigentlich nicht.

Das alles bedeutet jedoch nicht, dass die Debatte um die manipulierten Dieselmotoren uns gar nicht interessiert. Sie berührt uns nur als Verbraucher nicht.

Unberührt, aber nicht ignorant

Spannend finden wir die Dieseldiskussion vor allen wegen des „House of Cards“-Moments. In der US-Serie geht es um Intrigen und Klüngeleien, um Macht und Geld innerhalb des Weißen Hauses, aber auch darüber hinaus. Eben daran erinnern auch die Schlagzeilen im Zusammenhang mit der Dieseldebatte: Durch Software manipulierte Schadstoff-Werte, ein Ministerpräsident, der seine Rede von VW umschreiben lässt – solche Skandale und die üblen Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik empören auch uns. Genau so wie die Tatsache, dass die durch Dieselautos verursachte Umwelt- und Gesundheitsbelastung weitaus höher ist als bisher angenommen. 

Was jedoch mit den Autos selbst passiert und wie das Dilemma um die Wagen gelöst werden soll, die unter Versprechung falscher Abgaswerte verkauft wurden, das hat für den Alltag der Generation Y nur wenig Relevanz. Wir besitzen keine Dieselfahrzeuge, die um-, auf- oder abgerüstet werden müssten und spielen nicht mit dem Gedanken, uns einen Neuwagen zuzulegen, mit dem die Hersteller uns, die Emissionen betreffend, übers Ohr hauen könnten.

Wenn wir uns ein Auto leisten, dann am liebsten einen alten VW-Bus, um damit zu reisen und unserem Selbstverwirklichungsdrang zu frönen – je mehr Patina, umso besser. Vom T1, den ganz alten Modellen bis zum T4, der in den 90ern startete, ist dabei alles drin. Und bei denen können keine Versprechen gebrochen werden, denn es hat niemand behauptet, dass sie sauber sind.