Manchmal weiß man es sofort. Das hier bedeutet eine Zeitenwende. Vor dem Rechner eines jungen Mannes standen die Kollegen und starrten auf den Bildschirm. Sie waren nicht ansprechbar. Es brauchte eine Weile, bis ich mitbekam, was gerade geschah. Kurz danach stürzte der erste der Zwillingstürme in New York in sich zusammen. Das war kein Unfall der Geschichte. Ich erinnere mich an den Augenblick wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Später bekamen auch zwei kleine Ereignisse in meiner unmittelbaren Umgebung eine Bedeutung, die mir bis heute symbolisch erscheinen.

Das erste Ereignis betraf den jungen Mann, an dessen Rechner wir standen. Einige murmelten Dinge wie „furchtbar, sprachlos, entsetzlich, das passiert doch nicht wirklich gerade, der armen Leute“. Andere schwiegen. Der junge Mann aber sagte: „Endlich trifft es die Richtigen!“.

Das zweite Ereignis betraf mein völlig verstörtes Kind, das von der Schule direkt zu mir ins Büro kam. Die Schule hatte Terroralarm gegeben und ihn denkbar verunsichernd organisiert. Die Schüler waren auf die Straße und nach Hause geschickt worden. Terroralarm in der jüdischen Schule, das hatte eine neue Dimension. Kurz danach zeigte mir mein Kind eine Nachricht von einem ihrer Freunde. Auf dem Computer gab es eine Symbolschrift, die statt Buchstaben kleine Icons zeigte. Wenn man damit das Datum 11. September schrieb, erschienen Flugzeuge, Davidsterne und Bomben. Es waren keine zwei Stunden vergangen, als die ersten antisemitischen Verschwörungstheorien begannen, das Klima zu vergiften.

Damals wie heute inakzeptabel

Ich konnte und wollte dem jungen Mann für seine Bemerkung nicht fristlos kündigen. Doch meine Empörung war heftig. Eine solche Bemerkung ist menschlich wie politisch inakzeptabel, damals wie heute. Wo immer Menschen Opfer von Terror werden – niemanden trifft das zurecht. Weder in Istanbul noch in Beirut. Aber auch nicht in New York oder Paris. Der antiwestliche Impuls, der sich – gerade hier im Westen – seit damals um ein Vielfaches verstärkt hat, ist der eigentliche Irrsinn dieser Zeitenwende. Antiwestlich zu sein und antiamerikanisch – bizarr bis in die Knochen, das gehört heute zum Selbstverständnis sehr vieler Deutscher.

Dieser anti-westliche Wahn, früher eher eine Domäne der Linken, bildet inzwischen aber das tragende Fundament der Querfront. Links wie rechts geben sich die Leute 15 Jahre nach den Anschlägen der obszönen Vorstellung hin, dass die Welt besser dran wäre, würden die Terroristen recht behalten und Putin seine segensreiche Hand über uns alle halten. Eine Welt ohne was? Ganz ohne Freiheitsrechte, ohne den globalisierten Fortschritt, ohne Diversity, Demokratie, freien Austausch, Gleichwertigkeit, ohne Optimismus und Kreativität? Stattdessen die enge Scholle, das ganz Eigene, das dann aber frei ist von „amerikanischer Fremdherrschaft“?

Die Querfront benutzt den islamistischen Terror, um sich von der westlichen Moderne abzugrenzen. Und zieht ihn zudem zur Begründung seiner rassistischen Ressentiments heran. Solche Schlussfolgerungen sind irrsinnig und antihuman. Bei aller Kritik an dem, was dem Terror von damals folgte, bleibt die westliche Demokratie die beste Herrschaftsform. Sie zerstören zu wollen, das haben die Opfer des 11. September erst recht nicht verdient!