Eine kleine Nachtmusik auf der Autobahn. Das Kulturradio bringt Jazz; er passt zur Geschwindigkeit. Ich freue mich auf Dresden, denn mit jedem Takt kommt das „Straßengezwitscher“ näher, eine Initiative junger Sachsen, die sich im Detail gegen Rassismus engagieren. Auf Twitter haben sie 18.000 Follower und 3 Millionen Leser im Monat.

Die ehrenamtlichen Aktivisten fahren in alle Ecken des Freistaates und schauen nach dem Rechten. In dem Fall bedeutet das auch, von denjenigen zu berichten, die sich für geflüchtete Menschen einsetzen. Davon gibt es Hunderte. Viele von ihnen kommen am Wochenende zu einem Kongress zusammen und tauschen sich aus. Da ist viel Leben in der Bude. Sachsen at it’s best.

Als auf dem Platz vor der Frauenkirche in Dresden zum Tag der Deutschen Einheit der Mob brüllte und grölte, hat das die meisten Deutschen angewidert und zu recht empört. Bis auf die Pöbler selbst und ihre politischen Partner, kann derlei niemand mehr sehen. Die Leute haben genug davon. Genug von der Irrationalität, genug vom Mief dummdreister Sprüche, die umso unziviler wirken, je lauter sie gebrüllt werden.

Wer mag schon das Gebaren und die Geräusche, wie sie vor Kneipen zu hören sind, wenn Männer sich Mut ansaufen, weil sie ohne Alkohol keine Maus erschrecken könnten? Es ist peinlich und mitunter gefährlich, weil der Alkohol enthemmt und Gewalt möglich wird. An der Frauenkirche war es weniger der Alkohol, der die Enthemmtheit auslöste, sondern der Rausch des eigenen Gebrülls. Sie trauen sich, sie brechen Regeln und freuen sich am Erfolg und dem Beifall, den sie von Gleichgesinnten erhalten.

Die Befreiung von allen Hemmungen fühlt sich für den Moment gut an, endlich kann alles mal raus: der angestaute Rassismus, die tiefe Verachtung gegenüber denen, die noch etwas Konstruktives wollen, der unbändige Drang nach Chaos. Die Welt soll aus den Fugen geraten, das ist das Ziel. Der Chemnitzer Terrorist wird in den hasserfüllten Beiträgen im Netz zum Superstar des Destruktiven. Zerstören, was immer es an gesellschaftlicher Übereinkunft gibt. Darin besteht die vorbewusste Nähe zu einer der schlimmsten Erscheinungen des 21. Jahrhunderts: islamistischer Terrorismus. Er wird vom rechten Mob gebraucht, um die eigenen Untergangsfantasien anzufeuern.

Kein Wunder, dass die Pöbler gerade im Osten so stark sind

Kein Wunder, dass die Pöbler gerade im Osten so stark sind, in der DDR gab es schließlich keine Scham als Element politischer Kultur, weder mit Blick auf den Krieg noch angesichts des Holocausts. In der DDR hieß der Nationalsozialismus einfach Hitler-Faschismus. An dem war der Kapitalismus schuld, die Bonzen also aus Wirtschaft und Finanzen. Und dann kamen die Angloamerikaner und bombten grundlos das schöne Dresden kaputt. Immer wieder die da oben.

Die Pöbler heute träumen vom großen Aufräumen, vom Säubern, der angekündigten Rache. Darin steckt freilich eine Hybris. Wer entfesselt ist, fühlt sich zwar stark, doch das heißt noch lange nicht, dass er es auch ist. Wer angefeuert wird, hat den Adrenalinschub, doch der reicht nicht für die ganze Strecke. Denn das Straßengezwitscher der vielen Engagierten lässt sie nicht einfach machen. Es klingt besser als jeder Jazz auf der Autobahn und gehört zu den schönsten Stimmen Sachsens. Es ist eine berechtigte Hoffnung.