Es ist schon erstaunlich, dass es eine unqualifizierte Äußerung eines AfD-Politikers aus Brandenburg braucht, um in der vermeintlich „heißen Phase“ des Bundestagswahlkampfs, den Seismografen des politischen Diskurses in Deutschland für einen kurzen Moment ausschlagen zu lassen. Man muss nicht darüber diskutieren, ob es eine sprachliche Geschmacksache ist oder nicht, wenn Alexander Gauland sagt, dass man die Bundes-Integrationsbeauftragte, Aydan Özoguz, „in Anatolien entsorgen“ solle.

Denn die Wortwahl ist schlichtweg entmenschlichend und unangebracht. Thema abgehakt. Die Reaktionen und die obligatorische Empörung seitens der anderen Parteien und Spitzenkandidaten offenbart jedoch das eigentliche Problem des Wahlkampfes: die politische Streitkultur in Deutschland ist am Ende.

Selbst auferlegte Schranken im Wahlkampf

Es ist ja nicht so, dass es an kontroversen Themen mangeln würde. Eine bröckelnde EU, der Diesel-Skandal, die wachsende soziale Ungerechtigkeit, Donald Trump, die deutsch-russische Beziehung und die unzähligen Asylsuchenden. Es wäre schön, wenn wenigstens die Spitzenkandidaten mal anfangen würden zu diskutieren und sich voneinander zu differenzieren. Derzeit scheint es, als würde eine Gruppe Narkolepsiekranker um die Gunst der Wähler ringen.

Wenn schon eine sonst unerschrockene Sarah Wagenknecht drei Wochen vor der Wahl bei Anne Will sitzt und sagt, die Aussichten auf eine Regierungsbeteiligung ihrer Partei seien bei den derzeitigen Umfrageergebnissen ausgeschlossen, ist das zwar objektiv evident, trotzdem klingt es wie eine Kapitulation. Solch eine Aussage ist kein Einzelfall, aber exemplarisch. Dem Wähler wird von der Opposition schlichtweg vermittelt, dass er sich mit einem „weiter so“, wie es die CDU propagiert, abzufinden hat. Meinungsumfragen dürfen im Wahlkampf nicht als selbst auferlegte Schranken gelten, in denen sich eine Partei bewegen darf. Aber genau das scheint momentan kollektiver Trend zu sein.

Ein Geschenk an die Kanzlerin

Demokratie ist auf Auseinandersetzung angewiesen. Parteien leben davon, den Wähler für ihr Programm zu begeistern. Beides findet nicht statt. Stattdessen muss man auf eine verquere Aussage eines AfD-Politikers hoffen, damit im Wahlkampf für ein paar Sekunden heiße Luft aufsteigt. Dass von Angela Merkel generell kein Funkensprühen zu erwarten war, ist keine Überraschung. Aber dass von der noch im Frühjahr allgegenwärtigen Euphorie der SPD und ihrem aus Brüssel eingeflogenen Kanzlerkandidaten so gut wie nichts mehr übrig ist, schadet dem Tempo des Wahlkampfes. Viel mehr ist diese dadurch entstehende Verschlafenheit ein Geschenk an die Kanzlerin, die es generell gerne langsam angehen lässt.

Es wäre gerade für junge Wähler motivierend zu sehen, dass es seitens der Politiker noch Lust an Veränderungen in diesem Land gibt. Ohne emotionsgeladene Debatten ist jede Folge der Schwarzwald Klinik spannender, als der diesjährige Bundestagswahlkampf. Am 3. September findet trotz Meinungsverschiedenheiten über die Modalitäten der Sendung das Kanzlerduell statt. Die Hoffnung, dort den ersten richtigen Schlagabtausch zu erleben, stirbt natürlich zu Letzt. Aber sie stirbt.