Fünf Jahre lang hat es gedauert, ehe die deutsche Kanzlerin Afrika wieder mit einem Besuch beehrt. Und es ist  gewiss kein Zufall, dass Angela Merkel nicht in Länder gereist ist, die kleine Erfolgsgeschichten zu erzählen haben wie Mosambik oder Ghana.  Auf Merkels Reiseplan standen diesmal Mali, Niger und Äthiopien, darunter gleich zwei Staaten, die zu den ärmsten der Welt gehören. An strategischen Reisevorbereitungen mangelte es nicht. Das Wohl Afrikas liege in deutschem Interesse, verkündete Merkel demonstrativ  und versuchte so, die erstaunliche politische  Neuentdeckung eines Kontinents zu begründen.

Die Afrikapolitik der Bundesregierung, wenn man davon überhaupt sprechen mag, bestand zuletzt vor allem in Terrorismusabwehr – und punktueller Wirtschaftsförderung.  Noch immer aber gelten die Klischees über Armut, Hungersnöte und Bürgerkriege, neuerdings auch die  über einen erstarkenden Islamismus und reihenweise scheiternde Staaten. Gewiss, wir leisten Entwicklungshilfe, ansonsten schauen wir lieber weg.

Seit der „Flüchtlingskrise“ aber gilt: Die Folgen globaler Konflikte machen nicht an unseren Grenzen halt. Das immerhin ist eine Trendwende, denn lange war das Leid und die Verzweiflung derer, die auf seeuntauglichen Wracks die gefährliche Reise über das Mittelmeer antreten, Sache der Staaten, die das Pech haben, an dessen Nordrand zu liegen.

Mit den Dublin-Verträgen hatten die mitteleuropäischen Länder – und nicht zuletzt Deutschland – dafür gesorgt, dass all jene, die vor Krieg und Armut fliehen, dort Asyl beantragen müssen, wo sie europäischen Boden betreten.

Massive politische Versäumnisse

Angela Merkel hat inzwischen eingeräumt, dass es massive politische Versäumnisse gegeben hat. Deutschland hat das Problem lange verdrängt und recht bequem damit gelebt. 

Das gilt nicht nur für Flüchtlinge aus der Hölle des syrischen Bürgerkriegs, sondern auch für Zehntausende Afrikaner, die jedes Jahr über das Mittelmeer kommen, oft „nur“ auf der Suche nach einem besseren Leben.

Die neuen Zauberformeln heißen: „Fluchtursachen bekämpfen“ und „Migrationspartnerschaften“. Das klingt gut. Ehrlicher aber wäre es, keine falschen Erwartungen zu schüren. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Einsicht durchsetzte, dass afrikanischen Ländern geholfen werden muss, damit sie eine Chance haben, sich zu stabilisieren. Was aber lässt sich tun,  dass Hunderttausende nicht länger Todesgefahren auf sich nehmen und viel Geld dafür bezahlen, um nach Europa zu gelangen? Die Antwort heißt: gar nichts oder kaum etwas.

In Libyen warten mindestens 200.000 Menschen auf die Überfahrt. Da der zerfallende Staat als Ansprechpartner kaum zur Verfügung steht, richtet sich der deutsche Blick weiter nach Süden. Spitzenpolitiker aus Berlin wurden in Niger bislang eher selten gesichtet. Dort aber liegt Agadez,  das längst kein exotisch anmutendes Reiseziel mehr für Abenteurer ist, sondern die afrikanische Drehscheibe des  Menschenschmuggels. 

Die EU will mit einer Reihe von afrikanischen Ländern Migrationsabkommen schließen, auch Niger, Mali und Äthiopien gehören dazu. Als Vorbild dient der Pakt mit der Türkei, dessen simpler Grundgedanke ist: Wir geben euch Geld, ihr haltet dafür die Flüchtlinge auf. Acht Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren nach Afrika fließen, die wiederum in die Ausbildung von Polizei und Militär, aber auch in den Bau von sogenannten Migrationszentren investiert werden sollen.

Freikauf von Problemen ist nicht möglich

Schon das Abkommen mit der Türkei gestaltet sich mehr als schwierig. Nahezu unmöglich aber wird es sein, das Modell auf ein Land wie Niger zu übertragen. Merkel hat zweistellige Millionenbeträge in Aussicht gestellt, etwa zur Bekämpfung von Schleusern. Das Geschäft mit der Ware Mensch aber ist der einzig florierende Wirtschaftszweig in Niger, die Grenzen lassen sich dort wie andernorts in Afrika kaum kontrollieren, und auch Migrationszentren werden Menschen, die zu allem entschlossen sind, nicht aufhalten. Das ist die afrikanische Realität.

Man sollte sie endlich zur Kenntnis nehmen. Bloße Abschottung und ein Freikauf von Problemen ist kaum mehr möglich. Anders gesagt: Migration kann nicht gestoppt, sondern bestenfalls reguliert werden – mit einem humanitären europäischen Asylrecht für diejenigen, die Schutz vor Verfolgung und Krieg brauchen und klaren Einwanderungsgesetzen für die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. In Deutschland ist ein solches Gesetz überfällig – und wichtiger als jede Migrationspartnerschaft.