Natürlich gibt es Antisemitismus im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Das bestreitet sicherlich niemand. Über das Ausmaß gehen die Meinungen schon auseinander. Sind es Einzelfälle? Randgruppen? Ewig Gestrige? 

Vor diesem Hintergrund ist das Video, das am Donnerstag auf Facebook gepostet wurde, ein interessantes Dokument der Zeitgeschichte. Sechs Minuten Judenhass, an Deutlichkeit nicht zu überbieten, sind da zu erleben. Israel, Gaskammer, ihr seid zu Gast in unserem Land, ihr habt seit 2000 Jahren nichts kapiert – der Eiferer lässt nichts aus. Wie er heißt, ist unbekannt und tut auch nichts zur Sache.

Dieser Judenhass ist kein importierter

Viel wichtiger ist, wer er ist: ein gut gekleideter Deutscher jenseits der Lebensmitte. Dem Äußeren nach zu urteilen, gehört er der Mittelschicht an. Das Video wurde in einem eher gut situierten Teil der Stadt aufgenommen, vielleicht wohnt der Mann ja um die Ecke. Vielleicht war ihm das Restaurant, das israelische Spezialitäten anbietet, schon länger ein Dorn im Auge. Aus welchem Grund auch immer. 

Wer sich das Video ansieht, das von Facebook mehrfach gelöscht, aber ebenso oft von anderen Facebook-Usern wieder hochgeladen wurde, ist dennoch um eine Gewissheit reicher: Dieser Judenhass ist kein importierter. In den Medien wird derzeit darüber gestritten, wie viele der meist jugendlichen Aktivisten auf den Anti-Jerusalem-Demonstrationen „Tod den Juden“ gerufen haben.

Antisemitismus ist ein Problem von uns

Hier steht ein augenscheinlich gut integrierter deutscher Bürger am helllichten Tag auf der Straße und wünscht einen ortsansässigen jüdischen Gastwirt in die Gaskammer. Sein Gegenüber bleibt ruhig, beschwichtigend fast, doch den Antisemiten scheint das nur noch mehr aufzuregen.

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre schrieb einst, der Antisemitismus bilde eine Elite der Mittelmäßigkeit. Er sei ein Snobismus, der keine eigene Leistung erfordere. Er ist praktisch, weil er komplexe Probleme auf einen einfachen Nenner bringt: Die Juden sind an allem schuld. Der Antisemit habe Angst vor der Welt. Er will sich ihr nicht stellen, weil er sie sonst verändern müsse.

Der Antisemitismus ist demnach kein Problem der Juden. Er ist unser Problem. Wird Zeit, dass wir es endlich angehen.