Erfreulich ist es nicht, wenn von den Berliner Schulen wieder Unerquickliches zu lesen ist. Aber es liegen neue wissenschaftliche Befunde vor, die beunruhigen. Sie besagen, dass der Senat im Jahr 2010 eine Riesen-Schulreform angeschoben hat, aber leider die gewünschten Effekte bisher nicht eingetreten sind. 

Die Schülermischung stimmt nicht

An vielen Sekundarschulen ist es laut einer neuen  Studie aus dem Wissenschaftszentrum Berlin nicht gelungen, eine breitere Schülermischung zu bewirken. Die wurde aber als zwingend angesehen, um ein besseres Lernklima an vormaligen Problemschulen zu schaffen. Dass dem nicht so ist, wiesen Bildungsforscher jetzt erstmals anhand von Sozialdaten aus jeder einzelnen staatlichen und privaten Schule nach.
 Es sieht  so aus, als sei das mehrgliedrige Schulsystem  aus Haupt-, Real- und Gesamtschule nie wirklich ganz abgeschafft worden, sondern kehre nun gewissermaßen durch die  Hintertüre wieder zurück. Gerade Sekundarschulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe könnten zu neuen Restschulen werden. Und immerhin zwei Drittel der Sekundarschulen verfügen über keine eigene Oberstufe.

Zweite Hiobsbotschaft

Die Berliner Schulpolitik bekommt damit innerhalb weniger Monate bereits zum zweiten Mal vom Bildungsforschern eine unerfreuliche Quittung präsentiert. Denn bereits in der Berlin-Studie, die die Schulreform evaluiert, hatten die begleitenden und sicher nicht fundamentaloppositionellen Wissenschaftler ungewöhnlich offen festgestellt, dass  an vielen Sekundarschulen die Lernerfolge ausbleiben, Schülerleistungen gar zurückgehen –  gerade in Mathe und vor allem an Sekundarschulen ohne eigene Oberstufe. Wenn es aber vielerorts die Schülermischung nicht stimmt und zudem die Leistungen zurückgehen, was hat die Schulreform dann überhaupt gebracht? Wohlmeinend könnte man sagen, es gibt vielleicht ein paar Risikoschüler weniger, die um ihren Schulabschluss bangen müssen.  Das Stigma Hauptschule  findet sich auf keinem Abschlusszeugnis mehr. Jetzt  müssen Ausbilder schon genauer hingucken. Doch immer noch ist die Schulabbrecherquote erschreckend hoch. Viel höher als im Stadtstaat Hamburg, wo übrigens mit Hilfe des „Kess-Indexes“ soziale Herausforderungen an Schulen wesentlich akkurater erfasst werden als in Berlin.

Die Eltern wehren sich

Politische Versuche, eine breitere Schülermischung zu erreichen, müssen ohnehin stets damit rechnen, dass sich bessergestellte Eltern mit ihren Kindern dem entziehen oder gar dagegen opponieren. Die Flucht in Privatschulen oder in Gymnasien, die ab 5. Klasse beginnen, sind dabei aber keineswegs moralisch verwerflich. Wer kann es denn den Eltern verübeln, wenn sie das Beste für ihr Kind wollen?
Viel wichtiger erscheint es angesichts der jüngsten wissenschaftlichen Befunde an der Qualität der besonders herausgeforderten Schulen zu arbeiten.  Es kann nicht hingenommen werden, dass an problematischen Sekundarschulen die meisten Quereinsteiger als Lehrer arbeiten, besonders viele Leitungsposten vakant sind und die Krankenstände besonders hoch sind. Anreizsysteme, womöglich eine Gehaltszulage, sollten stattdessen besonders engagierte Pädagogen dorthin locken. Ein Bonusprogramm gibt  es immerhin.

Was ist mit der klassischen Lehre?

Leider offenbart die Fixierung auf die gymnasiale Oberstufe an Sekundarschulen aber auch, dass die Perspektiven einer Berufsausbildung nach der 10. Klasse von Eltern und Schülern zu gering geschätzt werden. Dabei ergeben sich angesichts des Fachkräftemangels auch hier für Jugendliche interessante Möglichkeiten. Doch das kommuniziert die Senatsbildungsverwaltung nicht in ausreichender Form, ihr geht es darum, den Abiturientenanteil zu erhöhen. Die Möglichkeiten eines Oberstufenzentrums sind ebenfalls viel zu wenig öffentlich bekannt. Auch dort sind Ausbildung, aber  auch  Abitur am Beruflichen Gymnasium möglich.

Im Osten ist es anders

Auffällig ist bei alledem, dass Eltern in den  östlichen Bezirken  nicht so gymnasialfixiert sind, die  dortigen Sekundarschulen oft über eine breitere Schülermischung verfügen. Das ist womöglich traditionell bedingt. Doch schon an den Grundschulen, zunehmend gerade im Berliner Osten, spiegelt sich die soziale Spaltung der Stadt wider.
Was wird eigentlich, wenn Berlin ab 2018 die komplette Lernmittelfreiheit  einführt? Schulbücher oder andere künftige Lernmaterialien sollen dann nichts mehr kosten. Es wird folglich nicht mehr nötig sein, die Schüler statistisch zu erfassen, die von der Zuzahlung zu den Lernmitteln befreit sind.  Es gäbe dann gar keine verlässlichen Sozialdaten von Schülern mehr.