Berlin - Wir Deutschen sind beim Umgang mit unserer Vergangenheit, mit Gedenken und Feiern nicht gut. Mäkelig meist, kleinkrämerisch, fantasielos. In dieser Woche aber gab es zwei Entscheidungen, die Freude machen. Die große Koalition in Berlin entschied tatkräftig, die sogenannte Einheitswippe, das Denkmal, das an die friedliche Revolution von 1989 erinnern soll, doch zu bauen. Es war zuvor in einem typisch deutschen Trauerspiel Technokraten und Haushältern zum Opfer gefallen. 

Vielleicht war es auch nur hinterrücks aus politischen Gründen torpediert worden. (Jedenfalls drängt sich dieser Vorwurf auf, bedenkt man, dass ein halbes Jahr nach dem Nein für die Wippe, der Wiederaufbau der historischen Kolonnaden von genau den selben Haushältern freigegeben wurde.)

Jetzt also doch. Die Wippe wird gebaut. Das ist gut so. Gut, weil die Wippe auf sehr undeutsch-witzige Art erlebbar macht, was passiert, wenn sich Bürger in Bewegung setzen, was es bedeutet, sich verständigen zu müssen, die Richtung zu bestimmen, die Geschwindigkeit. Die Wippe, das mobilisiert Kindheitserfahrungen, die wir im Erwachsenenalter im täglichen Konkurrenzkampf jeder gegen jeden vergessen und die auf der Wippe wieder ins Bewusstsein gespült werden.

Balance

Aber die Wippe symbolisiert nicht nur die Wucht von Bewegung. Für mich hat sich noch eine andere, nicht minder wichtige Bedeutung hinzugesellt, sich gleichsam in den Vordergrund gedrängt: die der Balance.

Die Welt ist aus den Fugen. Europa driftet auseinander, in unserem Land nehmen die politischen Extreme zu. Das erfordert nicht nur Bewegung, sondern auch den Ausgleich, die Balance. Daran haben die Erfinder nicht gedacht. Umso mehr spricht das für die Wippe. Denn was zeichnet ein Denkmal mehr aus, als die Tatsache, dass es seine Symbolkraft immer wieder neu justieren kann.

In Dresden ist ein Künstler jetzt den umgekehrten Weg gegangen. Brandaktuell ist die Installation von Manaf Halbouni, einem Deutsch-Syrer, der vor der Dresdner Frauenkirche drei Busse hochkant aufgestellt hat. Just zum Tag der Bombenangriffe auf Dresden am 13. Februar 1945. Drei Busse, wie sie in den Straßen Aleppos und anderer syrischer Städte als Schutzschilde dienen. Es ist eine unübersehbare, gewaltige Skulptur, die daran erinnert, dass Tod, Zerstörung, Leid universell sind und heutig. Es gab nicht nur Protest, zwei Bürger klagten auch dagegen. Und das ist die zweite gute Nachricht dieser Woche: Das Gericht wies die Klage mit Verweis auf die Freiheit der Kunst ab.

Wippe nimmt uns selbst in den Fokus

Ganz anders als die Ich-bezogene Berliner Wippe, die uns selbst in den Fokus nimmt, die sich mit unserer innerdeutschen Befindlichkeit beschäftigt, weist uns der Dresdner Künstler sehr harsch und brutal auf die Realität in der Welt hin. Er lenkt die Gedanken gleichsam um. Von den Bombennächten im Februar 1945 auf das brutale Hier und Heute in Aleppo. Man kann die Wunden der Kriege in den Städten und den Seelen der Menschen heilen. Das sagt uns die wiederaufgebaute Dresdner Frauenkirche. Die Menschen lernen leider aus diesen grausamen Erfahrungen nicht nachhaltig. Das lehren uns die Busse des Künstlers Manaf Halbouni. Beides gehört zusammen. Und das macht Dresden derzeit ganz einzigartig.