Kommentar: Die Sperrstunde in der Simon-Dach-Straße nützt nichts

Das will ich auch, dachte ich im ersten Moment, als ich von der Sperrstunde in der für ihre Kneipendichte notorische Simon-Dach-Straße in Friedrichshain erfuhr. Vom 2. Mai an dürfen die Bars und Restaurants dort nach 23 Uhr draußen nicht mehr bedienen. Es soll diese Maßnahme den nächtlichen Lärm „nachhaltig“ einschränken, wie der Ordnungsstadtrat des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Andy Hehmke, stolz verkündete. Vorausgegangen waren diesem Schritt jahrelange Beschwerden verzweifelter Anwohner.

Ich wohne in der Simon-Dach-Straße Neuköllns, der Weserstraße, und war kurz neidisch. Doch wenn man es recht bedenkt, wird die neue Regelung nicht viel nützen. Viele Wirte in der Straße praktizieren diese Art von Sperrstunde bereits, ohne dass es wesentlich ruhiger geworden wäre.

Denn es gibt in Berlin ja immer noch die Möglichkeit, auf der Straße weiter zu trinken und zu feiern, die Spätis, wo man sich mit alkoholischem Nachschub versorgen kann, machen es möglich. Platz ist dann auf der kleinsten Baumscheibenumrandung, einem Bretterstapel oder Sperrmüllsofas und -matratzen. Drittens machen die Menschen, wenn sie von Kneipe zu Kneipe ziehen, noch genug Krach.

Wozu Ballermann-Meilen wie die Simon-Dach-Straße und andere unglückliche Straßen in Berlin, wie die Oranienburger Straße in Mitte, die Oranien- und die Falckensteinstraße in Kreuzberg oder die Maaßenstraße in Schöneberg vor allem noch dienen können, ist zum Warnzeichen. Kein Bezirk sollte eine derartige Kneipendichte zulassen.

Nicht nur der Lärm ist das Problem, sondern auch die Verdrängung von Bäckern und Kitas. Gierigen Hausbesitzern sollte man die Entscheidung, was in ihr Haus kommt, nicht überlassen. Rechtlich ist das nicht leicht, die Gewerbefreiheit ist durch das Gesetz geschützt. Aber es gibt auch die Paragrafen in der Bauordnung, nach denen in Wohngebieten nur gastronomische Einrichtungen zulässig sind, die keine Belästigung für die Umgebung verursachen.

Mit einer guten Datengrundlage sollte man sogar vor Gericht bestehen können. Im Kreuzberger Gräfekiez hat der Bezirk schon die Bars und Restaurants gezählt. Warum etwa in der Umgebung der Neuköllner Weserstraße immer neue Kneipen aufmachen dürfen, versteht kein Mensch.