Hat sich  je ein Amerikaner Gedanken darüber gemacht, ob es noch opportun ist, wenn durch seine Stadt eine Old Hickory Street führt, benannt nach Andrew „Old Hickory“ Jackson, dem siebten Präsidenten, der Indianer als „mindere Rasse“ bezeichnete, die „über kurz oder lang verschwinden“ müsse? Oder ob Städte, Unis, ganze Countys noch den Namen des Konquistadors De Soto tragen dürfen?  Eher nicht. Wird in Mexiko diskutiert, ob es korrekt ist, den Golf von Kalifornien weiterhin als Mar de Cortez auszuweisen? Und was ist mit dem Staat Kolumbien? Ging mit Kolumbus nicht erst los, was wir heute „Kolonialgeschichte“ nennen? Natürlich tat es das. Das weiß man dort natürlich auch.

Geschichte hat auch Brüche

Man weiß aber auch, dass sich jeder Ort aus seiner Geschichte heraus definiert. Auch die Stadt Berlin übrigens, in der jetzt drei Straßen des Afrikanischen Viertels umbenannt werden, darunter der dem untadeligen Forscher Gustav Nachtigal gewidmete Nachtigalplatz. Und damit geht das Problem schon los. Weiter geht es mit dem Umstand, dass Geschichte nicht nur alle Glanzpunkte und kulturellen Errungenschaften umfasst, sondern auch alle Brüche und Kehrseiten. So atmet jedes Baudenkmal aus der Gründerzeit auch den damals vorherrschenden imperialistischen und sozialdarwinistischen Zeitgeist. Reißen wir es deshalb ab?

Tilgung von städtischem Erbe

Auch Namen von Straßen sind aus der Geschichte heraus zu verstehen, und es ist so einfach wie vermessen, unsere heutige Vorstellung von Vernunft auf die damalige Zeit zu projizieren. Mit der Umbenennung von Straßen wird das Gegenteil von dem erreicht, was man bezweckt: nämlich die Erinnerung an ein unliebsames Kapitel aus der Vergangenheit wach zu halten. Es heißt viel mehr, dieses Kapitel aus dem städtischen Erbe zu tilgen, das Geschichtsbild Berlins zu glätten und der ganzen bewegten Stadthistorie eine rückwirkende  politische Korrektheit überzustülpen. Das kann niemand wollen.