Madrid - Man kann den katalanischen Separatisten nur gratulieren. Ihre Strategie ist aufgegangen: Sie haben die spanische Regierung so lange und so unbeirrt provoziert, bis diese am Mittwoch die Nerven verloren hat. Guardia-Civil-Polizisten, die Büros der katalanischen Regierung durchsuchen und mehr als ein Dutzend teils hochrangige Funktionäre festnehmen – das waren genau die Bilder, die Regionalpräsident Puigdemont sehen wollte. Ein Fest für die Katalanisten. Jetzt demonstrieren Tausende auf den Straßen Barcelonas und können sich von Herzen als Opfer eines repressiven Staates fühlen.

In diesem Moment spielt es keine Rolle, dass die spanische Regierung von Mariano Rajoy das Recht auf ihrer Seite hat. Sie will das geplante Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober verhindern, weil es der spanischen – und damit auch der katalanischen – Verfassung zuwiderläuft. Das soll die Regierung ruhig. Aber es hätte gereicht, Urnen und Wahlzettel zu beschlagnahmen – und ansonsten mit Geduld und Freundlichkeit zu erklären, warum eine Zersplitterung Spaniens weder für Katalonien noch für Europa eine gute Idee ist. Aber Rajoy hat keine Geduld, kein Fingerspitzengefühl und kein Verständnis für katalanische Befindlichkeiten.

Kein Abrücken von der Forderung nach Unabhängigkeit

Leicht hat es der Premierminister nicht. Puigdemont und seine Mitstreiter verfolgen ihr Ziel wie Bulldozer, die alle Schranken des nationalen und internationalen Rechts bedenkenlos niederreißen. Die Vorgaben der Venedig-Kommission des Europarates für rechtsstaatlich akzeptable Referenden interessieren sie nicht, die Beschlüsse des spanischen Verfassungsgerichts schon gar nicht. Ihre Dialogbereitschaft ist eine begrenzte: Von der Forderung nach einem Unabhängigkeitsreferendum gehen sie nicht ab, reden wollen sie nur über das Wie.

Rajoy hat recht, wenn er Verhandlungen über ein katalanisches Referendum ablehnt und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln versucht, die Abstimmung zu verhindern. Doch unglücklicherweise fehlen ihm politisches Gespür und Geschicklichkeit, um sich verständlich zu machen. Mit seinem Beharren auf der Verfassung treibt er seine Gegner zur Verzweiflung. Viele Kritiker halten ihn für den eigentlichen politischen Bulldozer, und die Polizei-Aktion am Mittwoch hat sie darin nur bestärkt.

Es klingt nach einer unblutigen Revolution

Fast drei Viertel der Katalanen drängen auf ein Referendum. Mehr als 40 Prozent wollen die Unabhängigkeit. Puigdemont und die anderen separatistischen Politiker sagen ihnen immerzu, sie hätten ein demokratisches Recht auf diese Abstimmung. Das klingt so überzeugend, das ist so verführerisch. Erst das Referendum, und dann, wenn das Ja siegt, ein Neuanfang. Ein Neuanfang! Das riecht nach Revolution, einer unblutigen. Das klingt nach einer schönen neuen Welt, die wir uns machen, in der uns die anderen nicht mehr reinreden können. Was hat Rajoy dagegen zu bieten? Ein „Weiter so“. Rechtsstaatliche, demokratische Langeweile, in der zwischen uns und den anderen nicht unterschieden wird.

Rajoy hat es ähnlich schwer, wie es die Brexit-Gegner in Großbritannien hatten. Aber er sollte doch versuchen zu erklären, was hinter diesen wie in Stein gemeißelten Normen steckt, die er verteidigt: die Furcht vor Kleinstaaterei, vor den Entsolidarisierungseffekten, die Unabhängigkeitsreferenden mit sich bringen. Er sollte die Befürworter nicht zu populistisch verführten Idioten erklären. Er sollte sie ernst nehmen, auch in ihrem eigenen Nationalgefühl, das nicht im Widerspruch zu einer gemeinsamen Staatsangehörigkeit stehen muss. Katalonien wird weiter ein Teil Spaniens sein. Umso wichtiger ist es, dass sich der Ministerpräsident Spaniens die Katalanen nicht zu Feinden macht.