Nichts scheint am Ende der 14. Ausgabe der Documenta leichter, als den Stab über deren mirakulösen Leiter Adam Szymczyk zu brechen. Anstelle der erhofften künstlerischen Strahlkraft hat der polnische Kurator ein Riesendefizit in der Kasse hinterlassen. Kritiker bemängelten eine allzu hölzerne Thesenkunst, und angesichts der anti-kapitalistischen Tiraden, mit denen Szymczyk seine Konzeption für die zwei Standorte Athen und Kassel beharrlich begründete, bedurfte es tatsächlich viel Geduld, um ästhetischen Eigensinn von apodiktischer Polit-Pädagogik zu unterscheiden.

Natürlich ist es verstörend, dass Szymczyk als Reaktion auf die nun erforderlichen Bürgschaften durch die Stadt Kassel und das Land Hessen in Höhe von insgesamt sieben Millionen Euro mit ruppigen Gegenvorwürfen kontert. Als sei er nie der oberste Vertreter des Unternehmens Documenta gewesen, lamentiert er nun wie ein prekär Beschäftigter. Es sei an der Zeit, „das System der Wertschöpfung solcher Megaausstellungen wie der Documenta auf den Prüfstand zu stellen“ und „das ausbeuterische Modell“ der Documenta anzuprangern, ließ er verlauten. Wer so spricht, scheint nie ernsthaft Verantwortung übernommen zu haben für eine der bedeutendsten Kunstausstellungen der Welt, die über einen Etat von rund 37 Millionen Euro verfügt. War es also ein teures Missverständnis, das die vom Publikum, der kleinen Stadt Kassel und der großen Politik gleichermaßen so geliebte Kunstschau nun in eine veritable Existenz- und Sinnkrise stürzt?

Man macht es sich allerdings zu leicht, den aufwendigen Teiltransfer von Kassel nach Athen als größenwahnsinnigen Fehltritt abzutun. Szymczyk war keineswegs der Erste, der sich bei der Gestaltung der Documenta von der Idee hat treiben lassen, das „Museum der 100 Tage“ nicht länger auf die Stadt im Nordhessischen zu beschränken. Bereits Documenta-Gründer Arnold Bode hatte mit einem Ableger in Philadelphia geliebäugelt, und zu der vom amerikanisch-nigerianischen Kunstmanager Okwui Enwezor betreuten Schau von 2002 hatte sich dieser über internationale Plattformen von dem Gedanken leiten lassen, dass die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst der wechselseitigen Durchdringung verschiedener Einflusssphären bedürfe. Enwezor brachte das Documenta-Gefühl auch nach Lagos, New-Delhi und anderswo und versuchte, die Rückkopplungen von dort zu integrieren.

Documenta braucht Großzügigkeit

Dabei mutet es seit jeher paradox an, dass das Kuratorenmodell einen einsamen Spiritus Rector für fünf Jahre an die Documenta-Spitze beordert, um ihn oder sie als Gebieter im Kampf mit den bösen Mächten und nervösen Märkten wirken zu lassen. Enwezors Plattformen haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass sich insbesondere auch der internationale Kunstbetrieb einer postkolonialen Verantwortung zu stellen hat. So war wohl auch die Aktion des chinesischen Künstlers Ai Weiwei auf der Documenta 12 zu verstehen, 1000 seiner Landsleute als Gäste nach Kassel zu holen. Kunst kann Menschen bewegen, so oder so.
Die Documenta 14 hat den Gedanken vom Perspektivwechsel radikalisiert und mit der Verlagerung nach Athen auf Europa zurückgeworfen. Es wäre gewiss eine allzu naive Annahme gewesen, dies von einem wie Adam Szymczyk in einer gefälligen Form serviert zu bekommen.

Die kulturpolitische Institution Documenta steht nun tatsächlich vor einer gewaltigen Umstrukturierung. Es wird nicht länger möglich sein, dass eine über Jahre vorbereitete Veranstaltung dieser Größenordnung ohne ein funktionierendes Controlling vonstattengeht. Das klingt wie eine Managerphrase, aber auch ein so idealistisches Unterfangen wie die Documenta ist nicht zuletzt ein wirtschaftliches Unternehmen, in dem vermutlich weit mehr Geld in organisatorische und sicherheitsrelevante Maßnahmen fließt als in die künstlerische Produktion. Dass sich Künstler und Kunstvermittler bisweilen wie Paria am Rande eines großen Spektakels fühlen, ist eine mehr als fragwürdige Note zum laufenden Betrieb.

Die Manöverkritik, durch die die Documenta nun hindurch muss, sollte nicht von einer pedantischen Haushaltslogik dominiert werden. Die Documenta war ein gesellschaftspolitisches Geschenk für die noch junge Bundesrepublik, die viel zur Demokratisierung des Landes beigetragen hat. Heute ist sie noch immer eine große pathetische Geste im Namen der Freiheit, zu deren Entfaltung des unbedingt einer Atmosphäre des Wohlwollens und der Großzügigkeit bedarf.