Nachdem der IS an der Gedächtniskirche zwölf Menschen ermordet hatte, erstrahlte das Brandenburger Tor schwarz-rot-gold zum Gedenken an die Toten und zur Selbstvergewisserung der Lebenden.

Nach den Anschlägen in Paris hatten dort die Farben der Trikolore geleuchtet; wegen des blutigen Attentats von Istanbul während der Neujahrsnacht prangte dort solidarisch die türkische Fahne, acht Tage später, nach dem IS-Mord an vier israelischen Soldaten, der blaue Davidstern.

Zur selben Zeit, am 7. und 8. Januar, enthauptete der IS im syrischen Rakka zwölf Zivilisten (wegen des Besitzes von Satellitenschüsseln) und tötete 48 Menschen per Autobombe im syrischen Azaz. Doch das Brandenburger Tor blieb grau. Unsere Regierung schwieg entschlossen.

Führende Kommentatoren und Politiker schweigen

Warum? Zwar war hier ebenfalls der IS am Werk, aber die offizielle Bundesrepublik macht es sich noch immer in der Einbildung bequem, das Böse sei allein dem „Assad-Regime“ zuzurechnen. Das Mitgefühl galt stets und undifferenziert „den Rebellen“ – und dazu zählten lange Zeit die Terroristen des IS und zählt noch immer die Al-Nusra-Front, weil diese radikalislamischen Bewegungen die effizientesten Kampfverbände gegen Assad stellten.

Diese Haltung zu dem entsetzlichen Bürger- und Stellvertreterkrieg wurde in Deutschland vorherrschend. Deshalb schweigen führende Kommentatoren und Politiker heute. Den Waffenstillstand, den nicht der Westen moderieren konnte, begleiten sie mit hämischer Missgunst, warten geradezu darauf, dass er gebrochen werde.

Kein Wort fällt zu der Frage, wie die zerstörten Teile Aleppos auch mit deutscher Hilfe wieder repariert und aufgebaut werden können. Die Kommentatoren, denen noch im Dezember der Begriff Kriegsverbrechen so leicht über die Lippen floss, schwiegen als die Al-Nusra- (alias Fatah-Al-Scham-) Front in den vergangenen Wochen den 5,5 Millionen Einwohnern von Damaskus das Wasser abdrehte.

Zwar bezeichnete die Uno das als Kriegsverbrechen, doch konnten sich unsere führenden Politiker und Meinungsmacher nicht dazu bereitfinden, diese Untat anzuprangern. Sie handeln bis heute nach dem Motto: Wer Kriegsverbrecher sind, bestimmen wir! Zu Recht versucht die syrische Regierung derzeit, die Wasserversorgung von Damaskus zu sichern. Dabei bedient sie sich der Doppelstrategie militärische Schläge plus Verhandlungen.

Gewissenlose Revolutionsjubler

Als Geschichtspessimist behalte ich ungern recht, doch sei wiederholt, was ich vor knapp vier Jahren schrieb: „Reporter, Kommentatoren und Politiker verhalten sich verantwortungslos, wenn sie das syrische Kriegselend mit normativ wertenden Vokabeln beschreiben wie Protesthochburg, arabischer Frühling, Regime, Gotteskrieger, Oppositionskämpfer.

Alberne metaphorische Begriffe dienen weder der Analyse noch einer Lösung des Konflikts. Diejenigen, die eine friedliche Entwicklung begünstigen wollen, dürfen nicht die weltanschauliche Alternative Demokratie oder Diktatur zum Verhandlungshindernis erklären. Wer vom arabischen Frühling schwadroniert, sollte sich daran erinnern, welche entsetzlichen Folgen die im Europa des 19. Jahrhunderts ausgerufenen Völkerfrühlinge zeitigten.“

So stand es hier am 16. Juli 2013. Vergeblich. Gegen geschichtsvergessene Ideologen und gewissenlose Revolutionsjubler ist kein Kraut gewachsen.