Michael Müller greift in der SPD nach der Macht – und zwingt seine Partei damit hinter sich. Ein durchaus cleverer Schachzug, denn innerparteiliche Opposition ist damit kaum noch möglich. Wer Müller (den SPD-Parteichef) beschädigt, der beschädigt auch Müller (den SPD-Spitzenkandidaten). Und umgekehrt natürlich. Wer wollte ein solches Risiko wohl eingehen – viereinhalb  Monate vor der Berlin-Wahl?

Die alten Gräben in der Partei dürften damit vielleicht noch nicht zugeschüttet, aber immerhin überbrückt sein. Raed Saleh, der mächtige SPD-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, dem immer wieder Ambitionen nachgesagt werden, selbst an die Spitze der Partei oder besser noch der Landesregierung zu wollen, muss sich hinter Müller stellen. Hinter den Mann, den er schon einmal abgesägt hat. Denn Michael Müller war von 2004 bis 2012 schon einmal Landesvorsitzender  – bis Jan Stöß und eben Raed Saleh eine Mehrheit gegen ihn mobilisierten. Müller verlor damals  eine Kampfabstimmung, Jan Stöß wurde Landesvorsitzender. Jetzt greift Müller erneut nach seinem alten Posten und drängt Stöß wieder aus dem Amt. Und dabei hat er Fraktionschef Raed Saleh an seiner Seite.

Eigentlich ein Getriebener

Müller präsentiert sich mit seinem Griff zur Macht als starker Spieler – in einer Situation, in der er eigentlich Getriebener ist. In den vergangenen Wochen wurden von Opposition und dem Koalitionspartner CDU verschiedene Filz-Vorwürfe gegen den Regierungschef laut. Jeder Fall  für sich ist vielleicht nicht gravierend, aber Müllers Ansehen beschädigt haben sie schon. Und dem Regierungschef ist es bisher nicht gelungen, dieses Ansehen mit einer offenen Kommunikationsstrategie wieder aufzupolieren.

Aus Sicht von Michael Müller ist der Schritt also absolut richtig. Aber auch die Partei ist gut beraten, wenn sie ihn an die Spitze setzt. Als Spitzenkandidat und Landesvorsitzender in Personalunion wird Müller  die politische Verantwortung für das  Abschneiden seiner Partei tragen. Sollte die SPD als Verlierer aus dieser Wahl hervorgehen, wäre sie gut beraten, ohne Müller weiterzumachen.  Damit wäre der sozialdemokratische Spitzenposten wieder frei – und die SPD könnte sich mit neuem Personal an einen Neuanfang machen.