Vergangenen Freitag schoss Nordkorea zum zweiten Mal innerhalb eines Monats eine Rakete ab, die Atombomben an die Westküste der USA bringen könnte. Noch vor einem halben Jahr hatten US-Experten erklärt, Nordkorea sei dazu derzeit nicht in der Lage. Wenn sich herausstellen sollte, dass das eine Fehleinschätzung war, dann ist in Asien der Ernstfall eingetreten.

Der US-Präsident hat sich mit dem japanischen Premier darauf verständigt, dass „wir weitere Aktionen ergreifen müssen“. Worin die bestehen sollen, darüber war nichts in Erfahrung zu bringen. Völlig korrekt, aber dennoch erschreckend hieß es, Nordkorea sei über alle internationalen Bemühungen um eine friedliche Lösung „hinweggetrampelt“ und habe „die Lage unilateral zur Eskalation gebracht.“ Das deutet zart die Drohung einer bewaffneten Auseinandersetzung an. Der Präsident versprach auch der Volksrepublik China ernste Konsequenzen, wenn sie es nicht schaffe, ihren Verbündeten in den Griff zu bekommen. Donald Trump tut das schon seit seinem Wahlkampf. Das hat Nordkorea von der Weiterentwicklung seiner Atomwaffen offenbar ebenso wenig abhalten können wie es die jahrelangen Sanktionen seiner Amtsvorgänger hatten tun können.

In Hawaii finden wieder Anti-Atomübungen in Schulen statt

In Hawaii, meldeten Nachrichtenagenturen am Sonnabend, würden ab dem 7. August in den Schulen Anti-Atomübungen stattfinden. Wer alt genug ist, sich an ähnliche Veranstaltungen in den Schulen zu erinnern, bei denen wir die Pulte hochklappten, uns daruntersetzten und sie wieder runterklappten, dem wird es bei dieser Meldung gegruselt haben. Schließlich waren es die Jahre nach dem Koreakrieg. Wer aber am Montag schaute, was die Tageszeitungen in Hawaii schrieben, der fand nicht eine einzige diesbezügliche Meldung. Aber das gibt nicht eine Sekunde lang Grund zur Beruhigung.

Es wird viel darüber gestritten, warum Nordkorea aufrüstet. Verfolgt es aggressive Ziele gegenüber Südkorea oder den USA? Oder möchte es nur als gleichwertiges Mitglied in die internationale Gemeinschaft aufgenommen werden? Das „oder“ scheint mir völlig unangebracht. Wenn man sich wie ein Schurkenstaat benimmt, um seinen Schurkenstaatenstatus zu verlieren, dann bewegt man sich definitiv auf dem falschen Pfad. Die Motive Nordkoreas sind aber angesichts seiner Politik und seiner geografischen Lage völlig gleichgültig.

Ostasien ist ein Pulverfass

Koreas größter Nachbar ist China. Es ist auch sein einziger Verbündeter. China aber hat wenig Interesse an Konflikten auch noch mit Korea. Die Atommacht China befindet sich seit vergangener Woche mal wieder in einem angespannten Konflikt mit Indien, einer anderen Atommacht der Region. Indiens Nachbar Pakistan verfügt ebenfalls über Atomwaffen. Es geht um eine Straße auf einem Gebiet, in dem Bhutan, China und Indien aufeinandertreffen. Indiens Verbündeter Bhutan warf chinesischen Bauarbeitern vor, diese Straße zu verbreitern. Es rief Indien zu Hilfe. Jetzt stehen sich dort chinesische und indische Soldaten gegenüber.

Seit Jahren streitet Japan mit China – mit der Volksrepublik und mit Taiwan – über die Senkaku-Inseln. Die unbewohnten Inseln stehen seit 1972 unter japanischer Verwaltung. Die Inseln sind ein Geschenk der Siegermacht USA, die die Inseln noch bis 1978 für Truppenübungen nutzte, an Japan. Die gemeinsame Erklärung, um den Ausdruck Drohung zu vermeiden, von Shinzo Abe und Donald Trump richtete sich an Nordkorea. Aber natürlich auch an China. Alles, was in dieser Weltgegend geschieht, involviert Nord- und Südkorea, China und Taiwan, Japan, USA und – nicht zu vergessen: Russland.

Atomwaffensperrvertrag ist wirkungslos

Die atomare Aufrüstung Nordkoreas ist ein gutes Beispiel für die Wirkungslosigkeit des Atomwaffensperrvertrages. Es gibt keine Sanktionsmöglichkeiten gegen einen Vertragsbruch. Allenfalls die, die auch sonst einsetzbar sind. Je weiter die atomare Kapazität ausgebaut wird, desto schwieriger wird es mit Sanktionen. Nukleare Abschreckung ist Nordkoreas Politik: „Wir werden diesen Kurs weder umkehren noch unsere kostbaren strategischen Ressourcen gegen welches Angebot von wem auch immer eintauschen.“

Darum reagieren jetzt Japan, Südkorea und die USA so heftig. Eine Atommacht Nordkorea ist ein Albtraum. Sie verändert die gesamte Konstellation in Ostasien und nicht nur dort. Nordkorea ist jetzt ein Global Player in einem alten, bereits wohlgefüllten Pulverfass. (BLZ)