Friedrich der Große wird weiterhin allein in den Sonnenuntergang reiten müssen. Das bereits 2007 vom Deutschen Bundestag beschlossene Freiheits- und Einheitsdenkmal, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum preußischen Reiterdenkmal Unter den Linden und vor dem künftigen Humboldt-Forum errichtet werden sollte, wird es bis auf weiteres nicht geben. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat dem Projekt die rote Karte gezeigt – aus Kostengründen. Die von der Politik zur Verfügung gestellten 10 Millionen Euro waren zuletzt auf mehr als 15 Millionen angewachsen, weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen.

Die aus haushalterischer Sicht vernünftige Überlegung markiert das seltsam schnöde Ende eines der ambitioniertesten geschichtspolitischen Projekte der vergangen Jahre. Schließlich sollte es bei dem feierlichen Gedenken an die friedliche Revolution von 1989 nicht zuletzt auch darum gehen, den zahlreichen negativen Geschichtsorten in Berlin, die an die Verbrechen der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern, ein positives Signal entgegenzusetzen. Der von dem Architekturbüro Milla und Partner entworfenen Schaukelskulptur war nichts Geringeres als die Aufgabe zugedacht, den glücklichen historischen Augenblick von 1989 in schwebender Leichtigkeit zu repräsentierten. Nicht demütiges Erinnern an die deutsche Schuld, sondern hüpfende Herzen angesichts eines wiedergewonnenen nationalen Selbstbewusstseins.

So richtig in Schwingungen mochte das symbolische Vorhaben aber nur wenige zu versetzen. Zu den entschlossensten Befürwortern des Projekts zählte noch Wolfgang Thierse (SPD). Nach anfänglicher Skepsis konnte sich der damalige Vize-Präsident des Deutschen Bundestages für das im Volksmund verächtlich Deutschlandwippe genannte Denkmal allmählich erwärmen, da es gerade kein imperiales Kaiserdenkmal sei, sondern weil in der Mitte Berlins im besten Sinne des Dichters Bertolt Brecht ein Ort umfunktioniert werde. Wo mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal einst ein Denkmal von oben errichtet worden war, sollte nun ein positives Geschichtszeichen aus der Mitte des Parlaments hervorgehen.

Von Anfang an erzwungen

Die Architekten, zu denen sich mit ihrem künstlerischen Rat zunächst auch die Berliner Choreografin Sasha Waltz  gesellt hatte, assistierten Thierse mit volkspädagogischer Didaktik. Anstelle appellativer Botschaften setzten Milla und Partner bei den Plänen für ihr Schaukelwerk auf Mittmacheffekte. Das Freiheits- und Einheitsdenkmal hatten sie sich gerade nicht als Mahnmal erdacht, sondern als Machmal.

Inzwischen will keiner so recht mehr mitspielen. Die kühle Argumentation der Haushälter wirkt da nur wie ein rational eingeschlagener Sargnagel in ein zu beerdigendes symbolpolitisches Projekt, an dem die verantwortlichen Politiker längst das Interesse verloren haben. Nein, das soll es noch nicht ganz gewesen sein, beteuern nun einige. Immerhin gilt nach wie vor der Parlamentsbeschluss von 2007. Aber recht vorstellbar ist es nicht mehr, dass noch einmal Bewegung in die nun angehaltene Wippe kommen könnte.

Man darf sich darüber wundern, dass der politische Wille, an den  neben ideologischem Kalkül über einen langen Zeitraum auch beachtlich starke Emotionen geknüpft waren, nun derart erkaltet ist. Es zeigt einmal mehr, wie schwer es ist, ein normatives Gedenken auf die politische Agenda zu setzen. Eine Zeit der Reife hat es für das Denkmal nicht gegeben, eine gesellschaftliche Debatte darüber fand nicht statt. Die Scheitern des Freiheits- und Einheitsdenkmals kann man so gesehen auch als ein lehrreiches Stück Kulturpolitik betrachten, das geschichtspolitische Verwitterungsprozesse auf signifikante Weise sichtbar macht.

Die Idee zum Denkmal wirkte von Anfang an erzwungen, und weder aus dem kuriosen ersten noch aus dem glücklosen zweiten Wettbewerb ist ein überzeugender künstlerischer Entwurf hervorgegangen, der  nach einer Realisierung gerufen hätte.

Es sollte daher ein Abschied ohne Groll und Schuldzuweisungen sein. Berlin hat sich längst als eine geschichtsbewusste Stadt erwiesen, in der sich die zahlreichen Erinnerungsorte immer wieder neu zueinander in Beziehung setzen lassen und setzen. Die Berliner und ihre Gäste nehmen diese Orte oft auf sehr eigenwillige Weise an, aber es lassen sich noch immer Nischen des Gewesenen entdecken, in denen das Verlangen nach geschichtlicher Aufklärung ebenso zu ihrem Recht kommt wie das bloße Bedürfnis, sich im Stadtraum mit anderen wohlzufühlen.