Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Territorium der Türkei in der jüngeren Vergangenheit als gut ausgebauter Schnellweg in den islamistischen Terror diente. Der Weg kampfbereiter Rekruten aus europäischen Ländern führte beinahe zwangsläufig über die türkisch-syrische Grenzregion in die  Ausbildungszentren des Islamischen Staates (IS).


Der Verdacht, dass diese ganz besondere Form einer Jugendbewegung von den türkischen Behörden gebilligt, zumindest aber nicht weiter behelligt wurde, lag auf der Hand. Er galt sogar als dezidierter Ausdruck einer ambitionierten Machtpolitik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der auf seinem Weg zur unumstrittenen Führungsfigur eines pan-islamischen Vertretungsanspruchs zumindest vorübergehend alles unterstützte, was den syrischen Präsidenten Assad schwächte.

Und es gab prominente Verbreiter dieses Verdachts. Die Unterstellung, dass die Türkei Beziehungen zum IS unterhalte, stammt von keinem Geringeren als dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im Jahr 2015 erhob Putin ganz offen den Vorwurf, die Türkei betreibe illegale Ölgeschäfte mit dem Terrorkalifat. „Wir haben allen Grund anzunehmen“, so Putin damals, „dass die Entscheidung, unser Flugzeug abzuschießen, von dem Willen gelenkt war, die Ölversorgungslinien zum türkischen Territorium zu schützen.“


Im Vergleich dazu klingt die Formulierung einer Antwort des deutschen Bundesinnenministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei eher verhalten. Die Türkei habe sich, heißt es darin, „zur zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen der Region des Nahen und Mittleren Ostens entwickelt.“ Zwar ist in der Antwort des Ministeriums von einer islamisierten Innen- und Außenpolitik Ankaras die Rede. Offen bleibt in der nun kleinlaut zum Büroversehen erklärten Auskunft aber die Frage, ob die türkische Regierung tatsächlich eine aktive Rolle bei dieser Entwicklung spielt oder das Land eher zufällig zum Durchzugs- und Nachschubgebiet geworden ist.

Die Bundesregierung ist auf Erdogan angewiesen

Die semantische Verdruckstheit vermag ohnehin kaum zu kaschieren, dass die deutsch-türkischen Beziehungen derart stark beschädigt sind. Während Erdogan zuletzt kaum eine Gelegenheit ausließ, den eigenen Machterhalt zum Maßstab seiner durchaus wechsellaunigen geopolitischen Interessen zu machen, war der Politikstil der Bundesregierung eher von dem Bemühen um Stillhalten und Konfliktvermeidung geprägt. Erdogans Türkei ist kein Wunschpartner deutscher Interessenpolitik, aber eben doch ein Partner, auf den man nicht nur mit Blick auf das EU-Flüchtlingsabkommen angewiesen ist. Diese Ambivalenz hatte bereits in der für Kanzlerin  Merkel peinlichen Affäre um den TV-Satiriker Böhmermann nicht gerade den Eindruck einer klaren Haltung hinterlassen, und in den anschließenden diplomatischen Verstimmungen, die aus der umstrittenen Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags resultierte, war kein Hinweis in Richtung Erdogans zu vernehmen, dass die deutschen Parlamentarier nun einmal gerade nicht das Vollzugspersonal der Bundeskanzlerin sind.


Souveränes Regierungshandeln sieht anders aus, und die Affäre Büroversehen wirft einmal mehr die Frage nach der Zukunft des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei auf. Im Ringen um die Bewältigung einer humanitären Katastrophe prallen verletzte Gefühle und die Notwendigkeit realpolitischer Zugeständnisse auf eine unerbittlich geführte Interessenpolitik. Selbst bei einem Fortbestand des Abkommens wird dessen Dilemma weiterhin darin bestehen, dass die Türkei jederzeit in der Lage scheint, die Fluchtbewegungen Hunderttausender nach Belieben für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.


Und doch ist es immer wieder erstaunlich, dass es in dieser aufgeheizten Atmosphäre  so etwas wie einen rationalen Kern der Diplomatie zu geben scheint. Man findet ihn nicht in den geheimen Dossiers der Nachrichtendienste, sondern in klar formulierten Positionen und deren subtilen Gesten. Wie man die schlimmsten Verwerfungen überwinden kann, haben zuletzt zwei Großmeister auf der Klaviatur der Inszenierung politischer Gefühle vorgemacht. Nichts scheint Männer wie Putin und Erdogan in der Durchsetzung ihrer gemeinsamen Machtinteressen an die eben noch wechselseitig erhoben Vorwürfe zu erinnern.  Sie wissen, dass es auch schon einmal geboten ist, vergessen zu können. Dazu gehören mitunter auch die Gebote der politischen Moral.