Die deutsche Debatte ist nach 28 Jahren also wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt. Die einstige DDR, das Beitrittsgebiet, die neuen Bundesländer, Ostdeutschland, wie auch immer man diese Region nun nennt, sie sei doch eigentlich nichts anderes als eine Kolonie der Westdeutschen, klagen manche Ostdeutsche nun wieder.

Wie damals, nach dem sogenannten Beitritt der DDR. Es werden Statistiken präsentiert – wie wenige Ostdeutsche in Führungspositionen gelangt sind, wie Netzwerke geschickter Westdeutscher sie vom Aufstieg fern gehalten haben und es immer noch tun, wie sie bis heute mit der Stasi-Keule schwingen.

Der Fehler beginnt schon in der Verallgemeinerung: Die Ostdeutschen, die Westdeutschen, als handele es sich um jeweils homogene Gruppen. Nach wie vor ist doch aber die prägende Himmelsrichtung, wenn man so will, die über Teilhabe in unserer marktwirtschaftlichen Gesellschaft entscheidet, nicht Ost oder West – sondern: Oben oder unten.

Kaum zu lösender Widerspruch

Das aber hätten die politisch wesentlich besser als ihre westdeutschen Landsleute geschulten DDR-Bürger durchaus wissen können, als sie Ende 1989 anfingen zu skandieren: Wir sind ein Volk. Die Antwort genervter Westdeutscher: Wir auch! ging dann im Jubel für Helmut Kohl, die CDU und die schnellstens herbeigepresste D-Mark unter.

Wer über die Kolonialisierung des Ostens durch den Westen spricht, sollte nicht darüber schweigen, dass unser Land seit zwölf Jahren von einer ostdeutschen Kanzlerin regiert wird und es in den vergangenen fünf Jahren ein Staatsoberhaupt aus Ostdeutschland hatte. Es reicht aber offenbar nicht, aus dem untergegangenen deutschen Staat zu stammen.

Man muss sich auch eine bestimmte Mentalität erhalten haben, um den Ansprüchen der ostdeutschen Kritiker gerecht werden zu können. Merkel und Gauck, so hört man von ihnen, hätten sich dem westdeutschen System allzu glatt angepasst. Aufstieg in einem Gesellschaftssystem und Nichtanpassung an dessen Regeln und Kultur, das ist freilich ein kaum zu lösender Widerspruch.

Westdeutsche Dominanz

Joachim Gauck zählt übrigens zu jenen, die sich der Probleme beim Zusammenwachsen seit langem bewusst sind. Schon zum 10. Jahrestag des Mauerfalls stellte er mit bemerkenswertem Sarkasmus über seine Landsleute fest: „Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf.“ Denn: „Nicht eine neu zu erfindende Demokratie war die Hoffnung der Massen, sondern die real existierende Demokratie vom Rhein.“

Es war aber die vom Ostdeutschen Gauck geleitete Stasi-Unterlagenbehörde, die in jenen Jahren großen Anteil daran hatte, vor allem die akademische Elite der DDR aus dem gesamtdeutschen Verkehr zu ziehen. Andere verdiente friedliche Revolutionäre verhinderten derweil, dass die Aufgeschlosseneren der 2,3 Millionen SED-Mitglieder der SPD beitreten konnten. Dass die Partei so westdeutsch geprägt und im Osten so schwach ist, hat hier eine wesentliche Ursache.

Auf der anderen Seite haben sie so der PDS viele Jahre das Überleben als Stimme der Ostdeutschen gesichert. Wer sich heute wundert über die Lage in Deutschland müsste nur einmal die Reden, die Forderungen, die Argumente der PDS aus den 90er-Jahren anschauen, und würde staunen, was man damals, noch rechtzeitig, alles hätte anders machen können.
Nun stimmt der Befund der westdeutschen Dominanz freilich stimmig und ist nicht nur so ein Gefühl.

Gesellschaftliches Engagement schwindet

Aber was würde sich ändern, wenn mehr Landräte, Abteilungsleiter, Direktoren, Staatssekretäre, Minister aus Ostdeutschland stammten? Die Beispiele Merkel und Gauck legen die Antwort nahe. Die Entfremdung eines Teils der Bevölkerung vom parlamentarisch-demokratischen System, seinen Institutionen und Eliten ist ein übergreifendes Phänomen, das im Osten nur stärker auftritt, weil hier die ersten 40 Jahre Demokratieerfahrung nach dem Krieg fehlen.

Die Ost-West-Debatte lenkt aber vom Kern des Problems ab: Dass die unter den Bedingungen der Globalisierung und des Wegfalls der Systemkonkurrenz entfesselte Marktwirtschaft einen wachsenden Teil der Bevölkerung nicht mehr an sich zu binden vermag, weil der erwirtschaftete Reichtum immer ungleicher und ungerechter verteilt wird.

Wenn dieses System gleichzeitig als alternativlos dargestellt wird, schwindet auch die Bereitschaft zum gesellschaftlichen Engagement, und sei es nur durch die Teilnahme an Wahlen. Das gilt für viele westliche Demokratien, und eben auch für Ost und West in Deutschland gleichermaßen. Nur, dass hier besonders gern der Nabelschau gefrönt wird.