Nicht einmal 130 Tage bleiben, um Europa in seiner jetzigen Form zu retten. Falls sich Großbritanniens Premierminister mit seinen Ratskollegen in der Europäischen Union bis Freitag auf die vorliegende Liste von Reformvorschlägen einigt, könnten die Bürger auf der Insel schon am 23. Juni in einem Referendum darüber abstimmen, ob sie Europa den Rücken kehren. Es wäre der erste denkbare Termin. Der Brexit, lange nur ein politisches Gedankenspiel, wird zur realen Möglichkeit, und das Befremdliche an der Entwicklung ist, dass das auf dem Kontinent bislang kaum jemanden empört. Als Griechenlands EU-Ausstieg zur Debatte stand, ertönten schrille Kassandra-Rufe von Andalusien bis Zypern. Großbritanniens Austritt aus der Union dagegen halten offenbar sogar Europaabgeordnete, die es besser wissen müssten, für einen zu verkraftenden Verlust.

Das ist eine dramatische Fehleinschätzung. Politiker von der Themse haben gelegentlich die Angewohnheit, ihre Partner in Brüssel durch Widerborstigkeit zu verdrießen, aber sie vertreten eine wichtige Wirtschaftsmacht: die zweitstärkste nach Deutschland in der Union. Das macht Großbritannien zu einem verlässlichen Nettozahler im EU-Haushalt. Sollte das Londoner Schatzamt nach dem Brexit die Zahlungen einstellen, fehlen demnächst Millionen in Europas Umverteilungskasse.

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