Wahrscheinlich haben Berliner Schüler in diesem Schuljahr, mehr über die Welt gelernt, als es sonst möglich ist. Denn die Welt kam zu ihnen ins Schulgebäude. In nahezu allen Schulen richteten die Verantwortlichen im Laufe des Jahres Willkommensklassen ein. Darin lernten Kinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge gekommen waren, Deutsch, um dann in die Regelklassen zu wechseln. Berliner Schüler konnten so direkt erleben, welche Folgen Krieg, religiöse Konflikte, Armut und die ungleiche Verteilung von Ressourcen haben. Und wie attraktiv Deutschland für viele Menschen ist.

Vielerorts entstanden gemeinsame Projekte, engagierten sich Pädagogen über das übliche Maß hinaus. Nicht selten gab es interkulturelle Konflikte, wenn es um die Rolle des Islams, den Verzehr von Schweinefleisch oder den Umgang mit Frauen ging. Oft lebte man nebeneinander her. Es ist eben schwieriger als in der allgemeinen „Wir schaffen das“-Euphorie gedacht, Flüchtlinge in das Berliner Schulsystem zu integrieren. Auch das ist klar geworden. Die Bildungsverwaltung musste ihre Planungen zum Umgang mit den Flüchtlingen mehrfach überarbeiten.

Spezielle Klassen sollen Chancen verbessern

Wie blauäugig die Vorstellungen anfangs waren, zeigt sich daran, dass nun die Oberstufenzentren mit speziellen berufsqualifizierenden Kursen aushelfen müssen. Sie sollen dafür sorgen, dass ältere jugendliche Flüchtlinge jemals eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Nicht zu unterschätzen ist indes die integrierende Wirkung, den der Schulbesuch der Kinder auf die Eltern haben kann. Denn darüber kommen auch die Eltern, die sonst oft in Wohnheimen zum Nichtstun verdammt sind, in Kontakt mit dem deutschen Alltag.

Der unerwartet starke Zuwanderung von Flüchtlingsfamilien war aber nur ein Faktor, der die Berliner Bildungsverwaltung in diesem Jahr unter Druck setzte. Es fehlen generell qualifizierte Lehrer und Erzieher, es fallen viele Unterrichtsstunden aus. Gleichzeitig gibt es insgesamt mehr Kinder und Jugendliche, so dass es  auch an Schulräumen mangelt.

Die Verwaltung mit Senatorin Sandra Scheeres (SPD) an der Spitze ist zur Senatsverwaltung für Mangelerscheinungen geworden. Mit dem Rücken zur Wand versucht man, den regulären Betrieb am Laufen zu halten. Für die  Grundschulen oder für die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften sind seit Langem nicht mehr genügend Bewerber zu finden. Bei der Grundschullehrer-Ausbildung hat Berlin es bereits vor vielen Jahren versäumt, verstärkt auszubilden. Doch auch in anderen Fächern greift man zusehends auf Quereinsteiger zurück. Dann müssen gestandene Lehrer nicht nur die Schüler unterrichten, sondern auch ihre Kollegen.

Schulen müssen dringend saniert werden

In einigen Bezirken werden die Gebäude derart mit Schülern aufgefüllt, dass wegweisende pädagogische Konzepte erschwert oder gar unmöglich gemacht werden. Ganztagsschulen haben das Potenzial, den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu nivellieren. Doch damit der Schultyp funktioniert, ist es zwingend, dass Kinder und Jugendliche dort nicht nur lernen, sondern sich auch bewegen und austoben können. Das ist allzu oft nicht möglich.
Erstaunlich spät reift am Ende der Legislaturperiode auch die Erkenntnis, dass der Sanierungsbedarf vieler Gebäude sich nicht weiter aufschieben lässt  – und dass  massiv neu gebaut werden muss. Nun überbieten sich die Parteien mit  relativ gut durchdachten Vorschlägen, die die Frage aufwerfen, wieso in den vergangenen Jahren so wenig getan worden ist. Immerhin liegen jetzt so präzise Vorschläge auf dem Tisch, dass sie nach den Wahlen im September auch eingefordert werden können.

Zu wenig Kraft bleibt angesichts grundsätzlicher Alltagsprobleme, um das Berliner Bildungssystem zukunftsweisend weiterzuentwickeln. Auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters reagieren zu viele Schulen noch nicht – oder schlicht mit Handy-Verboten. Programmieren lernen ist noch immer kein Pflichtfach. Projektorientiertes Lernen findet zu selten statt. Auch die Ziele der Schulstrukturreform  geraten aus dem Blick, eine erfolgreiche Kooperation von Sekundarschulen und Oberstufenzentren gibt es nur in seltenen Fällen.

Die zentrale Herausforderung des Schulsystems aber wird die immer vielfältigere Schülerschaft sein, noch einmal erweitert durch die Flüchtlinge. Wie können all diese verschiedenen Menschen in ein System aus Ziffernoten hineingepresst werden? Womöglich führt sogar gerade diese Herausforderung zu einer  Weiterentwicklung des Schulen.