Bisher schien Franz Beckenbauer unerschütterlich. Egal, was er sich geleistet hat,  stets pflegte Beckenbauer das rechte Lächeln zu finden, um mit der ihm eigenen Nonchalance die Fehltritte kunstvoll zu erklären.

Wenn er Steuern unglücklich falsch erklärt, den Wohnsitz zum Steuersparen ins Ausland verlegt hat, wenn er  versehentlich wieder eine Ehefrau gegen eine jüngere ausgetauscht hat – kaum einer wusste öffentliche Entrüstung so unbekümmert aller Schlagkraft zu berauben wie Beckenbauer.

Damit ist es vorbei. Lediglich Anwälte sprechen noch. Selbst die Bild-Zeitung assistiert  nur noch behutsam mit rührseligen Geschichten über eine Herzoperation, weil alles andere als Mitleid zu heischen, den eigenen Ruf noch mehr gefährden würde. Und den Anwälten geht Beckenbauer'scher Charme ab. Ihre juristischen Erklärungen lesen sich wie das, was sie sind: das Plädoyer eines Beschuldigten.

Dass er Anwälte vorschickt, zeigt: Es ist nichts mehr zu retten. Nicht mal für Beckenbauer. Er reiht sich ein unter die Kollegen, die durch Doppelmoral und Hang zur Delinquenz auffällig wurden: Ulli Hoeneß, der im Fernsehen sozialen Zusammenhalt und staatsbürgerliche Pflichten predigte und in der Schweiz so illegal Steuern hinterzog, dass er in einer Strafanstalt dafür büßen musste. Oder Karl-Heinz Rummenigge, der teure Uhren einschmuggelte. Die Idole des FC Bayern sind eine  ehrenwerte Gesellschaft im gefährlichen Sinn.

Es darf niemanden erstaunen, wenn die höchsten

Repräsentanten des Profifußballs  mit unbeschreiblicher Gier auffallen, schließlich entstammen sie jenem gesellschaftlichen Bereich, in dem der Turbo-Kapitalismus in seiner reinsten Form tobt. Jeder Auswuchs an Profitstreben ist dort also erwartbarer als etwa in der Politik, die das soziale Zusammenleben im Staate organisieren soll, so dass jeder einzelne Repräsentant höheren moralischen Ansprüchen unterliegt.

Gleichwohl zeigen die Erfahrungen, dass jede Ethik nur eine Frage des Preises ist: Mal reichen Luxus-Schreibgeräte auf Kosten der Allgemeinheit, mal werden gleich volkswirtschaftliche Verträge zulasten des Gemeinwohls aber zum persönlichen Vorteil geschlossen.

Der Unterschied auf der moralischen Ebene ist nicht so groß, wenn ein früherer Kanzler dieselben russischen Energieinteressen vertritt wie Franz Beckenbauer. Mal geht es um eine Pipeline, mal um eine Fußball-Weltmeisterschaft. Wie sich inzwischen andeutet, hat Beckenbauer wohl nicht zufällig in der kontroversesten Abstimmung des Vorstands des korruptionsgeplagten Weltfußballverbandes Fifa mitgewirkt: der ersten Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2024 nach Russland und Katar.

Beckenbauer fügt den strafrechtlichen Erkenntnissen eine gesellschaftlich gefährliche Weiterung hinzu: Hat er sich seine Arbeit für die WM 2006 mit 5,5 Millionen Euro vergelten lassen, könnte das dazu beitragen eine ohnehin schon extrem wacklig gewordene Säule des deutschen Sports einzureißen: das Ehrenamt.

Ohne die 8,6 Millionen Freiwilligen müsste das System des deutschen Sports kollabieren, ohne die 70 000 freiwilligen Helfer hätte es Olympia in Rio nicht gegeben und ohne die 15 000 Volunteers nicht die WM 2006 in Deutschland. Der Deutsche Olympische Sportbund müht sich mit dem Projekt „Attraktives Ehrenamt im Sport“ das System zu erhalten.

Die Scheinheiligkeit ist aber systemimmanent. Organisiert wird der DOSB vom früheren Grünen-Politiker Michael Vesper, selbstverständlich nicht ehrenamtlich, sondern für ein geschätztes Jahressalär von einer Viertelmillion Euro. Die Bundeskanzlerin wird kaum besser bezahlt.

Das IOC scheffelt in einer Olympiade 5,5 Milliarden Euro, aber die Helfer sollen unentgeltlich kommen. Und wenn sein Boss Thomas Bach  die Paralympics meidet, könnte das darauf zurückzuführen sein, dass brasilianische Behörden brisante Ermittlungen wegen eines Ticketskandals im IOC führen, von dem er Kenntnis gehabt haben könnte. Mindestens ein hoher Funktionär steht im Verdacht, daran verdient zu haben. Dass sich in der Fifa ungefähr jeder so gut persönlich bereichert hat wie er konnte, ist in diversen Verfahren längst aktenkundig geworden.

Dem Missbrauch ist nur durch größere Kontrolle, Transparenz und Überwachung beizukommen. Viel zu sehr wird der Sport noch nach über 100 Jahre alten Regeln organisiert. Die sind auf reines Amateurtreiben ausgerichtet, nicht auf Turbo-Kapitalismus. Das muss sich ändern.