Vor mehr als zehn Jahren traf ich für die Berliner Zeitung eine Frau, die ihren Mann bei einem Attentat in Deutschland verloren hatte. Sie sagte, die Welt habe für sie stillgestanden, doch nur wenige hätten sich für den Riss interessiert, der seither durch ihr Leben läuft. Die Frau heißt Ankie Spitzer, ihr Mann André war der Fechttrainer der Israelis bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Palästinensische Terroristen töteten ihn nach ihrem Anschlag auf das Olympische Dorf.

Die deutsche Öffentlichkeit hat André Spitzer und die anderen Opfer von München schnell vergessen. Der Terror galt ja nicht allen, nicht der ganzen Gesellschaft des Landes. Erst 45 Jahre später, bei der Einweihung eines Denkmals im Herbst 2017, sagte Bundespräsident Steinmeier den Hinterbliebenen der Olympia-Katastrophe, man habe sich zu sehr mit den Tätern statt mit den Opfern beschäftigt.

Wieder ein Riss im Land

Vor einiger Zeit sprach ich einen Mann, der als Junge in Köln den Terror der RAF mitangesehen hat. Er stand an der Straße, als die Terroristen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977 entführten – und dessen Leibwächter und Fahrer erschossen. Die Begleiter Schleyers kamen nie wieder zu ihren Familien zurück, auch für ihre Angehörigen stand die Welt still. Und der Junge, der alles mitansehen musste, brauchte lange, um die Bilder zu vergessen.

Wieder ein Riss im Land. Doch die deutsche Gesellschaft wusste nicht einmal, wie die ermordeten Fahrer und Leibwächter Schleyers hießen. Der Terror galt dem Staat und den Eliten, viele Westdeutsche waren sich sicher, dass sie niemals zu den Betroffenen zählen würden. Noch heute gibt es kein großes Denkmal für die Opfer der RAF. 

Der Terror war nah

Für viele Ostdeutsche waren die Terroranschläge im Westen ohnehin nur ein fremdes Echo, Attentate von palästinensischen Terroristen und linksradikalen Terroristen gehörten – glücklicherweise – nicht zu ihrer Lebenserfahrung. Sie hatten keinen Anlass, sich mit dem Leid der Überlebenden zu beschäftigen.

Als nach der Wiedervereinigung Rechtsradikale und verrohte junge Männer Häuser von türkischen Familien anzündeten, als Flüchtlingsheime brannten und der NSU eine Mordspur durchs Land zog, fühlte sich die Mehrheitsgesellschaft noch immer nicht getroffen. Der Terror war nah, blieb aber den meisten fern.

Die verletzliche Gesellschaft

Doch dann tat sich ein Riss für alle auf. Eine Ahnung davon bekam man, als ein junger Flüchtling im Sommer 2016 eine Bombe auf einem Festival in Ansbach zündete. Jeder hätte getroffen werden können. So wie es auch in Nizza geschah, als ein Spaziergang auf der Promenade den Tod brachte. Und selbst in einem Regionalzug in Süddeutschland konnte jeder versehrt werden, als ein junger Mann mit einer Axt wütete.

Das Gefühl, der Gewalt an jedem Ort und jedem Moment ausgeliefert zu sein, es erfasste viele. Doch hat dieses Land ernsthaft damit gerechnet, dass ein Terrorist aus Tunesien auf einem Weihnachtsmarkt morden würde, mit einem LKW? Die tödlichen Minuten des 19. Dezember 2016 auf dem Breitscheidplatz zeigten dieser Gesellschaft gnadenlos, wie verletzlich sie ist. Als Ganzes. Jeder.

An der Bürokratie gescheitert

Und doch wurde bald klar, dass dieses Land Trauer, Mitgefühl und Hilfe für die Opfer von Gewalt und Terror selbst dann noch lernen musste, als es in seiner Mitte getroffen war. Hinterbliebene des Berliner Attentats fühlen sich vernachlässigt, abgewiesen. Selbst der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, erklärte, dass vieles falsch gelaufen sei.

Familien erfuhren nichts Genaues über das Schicksal ihrer Angehörigen, Versehrte scheiterten an der Bürokratie. Ein Jahr danach wissen wir, dass dieses Land sich besser hätte kümmern sollen. Und wir bekommen eine Ahnung davon, wie sich auch die Opfer von Anschlägen in der Vergangenheit gefühlt haben: alleingelassen.

Dem Terror entgegentreten

Es kommt ja nicht von ungefähr, dass der Bundespräsident jetzt den Hinterbliebenen des Olympia-Attentates von 1972 sagt, man habe sich zu wenig mit den Opfern beschäftigt. Das ist auch Steinmeier sicher nach dem Breitscheidplatz-Attentat klar geworden, wie so vielen von uns. Auch wenn wir es seit vielen Jahren hätten wissen können, seit Ankie Spitzer sagte, die Welt habe für sie stillgestanden, als ihr Mann in München ermordet wurde.

Oft haben wir jenen Satz gehört, dass wir dem Terror die Stirn bieten, in dem wir unser Leben weiter so leben wir bisher. Aber vielleicht gibt es im Angesicht des 19. Dezembers in Berlin einen besseren Rat, wie wir dem Terror entgegentreten sollten: Fühlen wir mit denen, die ihr Leben nicht mehr so leben können wie bisher.