Kein Wahlkampf kommt ohne Provokation aus. Die Provokation ist das Adrenalin des Wahlkampfs. Das gilt vor allem für Parteien, die etwas zu gewinnen – und viel zu verlieren haben. Also eigentlich alle. Aber nicht für alle bedeutet es das Gleiche. Nehmen wir Angela Merkel. Es wird ihr anhaltend vorgeworfen, sie lasse sich auf keine Auseinandersetzung ein. Dabei tut sie nichts anderes, nur dass ihre Auseinandersetzung Realpolitik heißt. Ihren Wählern wird das „weiter so“ am Ende wahrscheinlich gefallen. Nur die SPD regt sich auf, weil sie dachte, die Kanzlerin liefert ihnen die Wahlkampfthemen frei Haus.

Dabei könnte es sich die SPD genauso gemütlich machen, hätte sie sich selbstbewusst in der großen Koalition eingerichtet. Deutschland wäre unsozialer, wäre die SPD in den vergangenen vier Jahren nicht in der Regierung gewesen. Mindestlohn, Mietpreisbremse, Leiharbeit und so weiter. Die SPD könnte damit prahlen, tut sie aber nicht. Sie kämpft um Platz eins und macht sich von Woche zu Woche, in der der Abstand zur CDU nicht schrumpft, mehr lächerlich.

Die SPD war immer dabei

Eine Provokation muss her, ein Angriff auf die CDU, mögen sich die Strategen in der Wahlkampfzentrale gedacht haben, und da fiel ihnen Folgendes ein: Keine Erhöhung der Verteidigungsausgaben! Wo kämen wir da hin, bei unserer Vergangenheit! Da wird aufrüttelnde Provokation des Wählers mit Verdummung verwechselt. Jeder, der auch nur gelegentlich eine Zeitung oder Ähnliches in die Hand nimmt, weiß: Deutschland müsste längst mehr zahlen, missachtet aber seit Jahren die Beschlüsse der Nato, die es mit entschieden hat. Die SPD war immer dabei.

Graduell gelungener scheint der provokante Ausfall von Christian Lindner in dieser Woche. Seine Anregungen zu Putin, man solle den Konflikt um die Annexion der Krim „einfrieren“, taugen ja immerhin zu einem handfesten politischen Streit. Auch wenn Lindner natürlich, wenn man ihm länger zuhört, an der Russlandpolitik gar nichts ändern will, und sich seine Ausführungen als unverständliches Geschwurbel herausstellen. Man könnte dann noch auf das FDP-Wahlprogramm verweisen, in dem es an die Adresse von Putin gerichtet ultimativ heißt: die „Besetzung der Krim und der Ostukraine sofort beenden“.

Noch sechs Wochen bis zur Wahl

Lindner hat es aber immerhin geschafft, sich als Außenpolitiker ins Gespräch zu bringen, nachdem seine ebenfalls provozierende, schwül-melancholische Plakatserie eher Ratlosigkeit erzeugte. Lindners Bekenntnis zur Kanzlerin Merkel „ich bin sicher, dass sie Kanzlerin bleibt“ ging im Krim-Getöse etwas unter, dabei schrie der Satz geradezu nach Vollendung.“... und ich werde Außenminister!“ Putin wird’s freuen. Sicher bereitet er sich schon auf einen gemeinsamen Ausritt mit nackten Oberkörpern oder wenigstens offenen Hemdkragen vor.

Für uns Wähler, die wir auf gute politische Unterhaltung hoffen, war diese Woche enttäuschend. Wir haben wieder mal bloß was gelernt: Gute Provokation darf nicht nur laut sein, sondern sollte auch glaubwürdig sein und auf machbare Veränderungen zielen. Schlechte Provokation schlägt auf den Akteur zurück. Das muss die SPD gewärtigen. Im günstigsten Fall verpufft sie. Darauf kann Lindner hoffen. Noch sechs Wochen bis zur Wahl. Da ist noch vieles möglich.