Kommentar: Hebammen sind kein Luxus

Als meine Mutter in den 70er-Jahren im Kreißsaal lag, nahm man ihr das neue Kind, das sie kurz zuvor auf die Welt gebracht hatte, sofort weg. Das Baby, also ich, wurde in einen Schlafsaal nebenan getragen und nur zu festgelegten Zeiten herausgeholt. Stillen klappte nicht, weil es meiner Mutter niemand richtig zeigte, und sowieso galt Flaschennahrung als gesünder.

Mütterberatung, einmal im Monat

Nach der Entlassung trug sie mich nach Hause, wenn sie Fragen hatte, ging sie zu ihrer Mutter nach nebenan oder wartete bis zur Mütterberatung, die einmal im Monat angeboten wurde. Eine Hebamme gab es nicht.
Klar, meine Mutter hat es hingekriegt, mich großzuziehen, ich bin aber trotzdem froh, dass ich eine bessere Versorgung hatte – eine von der Krankenkasse bezahlte Hebamme, die mich während und nach der Geburt unterstützte, mich zu Hause besuchte. Ohne ihre Hilfe wäre ich in der ersten Zeit verloren gewesen.

Eine gute Hebamme kann die vielen kleinen, scheinbar banalen Fragen beantworten: Wie legt man das Kind am besten an die Brust? Ist es normal, dass das Stillen so wehtut? Werde ich je wieder Sex haben? Eine gute Hebamme macht keinen Druck, eine gute Hebamme hilft der Frau, die plötzlich auch Mutter ist, in ihre neue Rolle hineinzufinden. Wird meine Tochter eines Tages auch noch Anspruch auf eine solche Hilfe haben? Wird es in zwanzig Jahren noch Hebammen geben?

Kreißsäle wurde geschlossen

Obwohl Politiker gern betonen, wie wichtig es ist, dass Frauen Kinder bekommen sollen, sind seit 1991 fast die Hälfte aller Kreißsäle in Deutschland geschlossen worden, weil Geburtsstationen als nicht profitabel gelten. Es mangelt angesichts steigender Geburtenraten an Hebammen, weil viele aufhören, Nachwuchs fehlt. Das liegt zum Teil an den gestiegenen Versicherungskosten, die den Verdienst schmälern. Es gibt auch andere Gründe.

Meine erste Hebamme hat nach drei Berufsjahren aufgehört, weil ihr der Alltag im Krankenhaus zu stressig war. Meine zweite Hebamme hört  nach zwanzig Berufsjahren auf. Die Zahl der Anmeldungen in der traditionsreichen Vivantes-Hebammenschule geht drastisch zurück. Vielen ist der Job zu hart, zu wenig anerkannt.

Wegen der steigenden Geburtenrate ist die Lage in einigen Krankenhäusern so dramatisch, dass fest angestellte Hebammen inzwischen bis zu fünf Frauen gleichzeitig während der Geburt betreuen müssen. Immer öfter werden selbst Frauen mit Wehen an der Tür abgewiesen, weil die Kreißsäle überfüllt sind.

Geburt im Auto

Ich sah kürzlich eine junge Neuköllnerin im Fernsehen, die unter Tränen erzählte, wie sie ihre Tochter auf dem Beifahrersitz allein auf die Welt gebracht hat – nachdem sie vom Klinikum Neukölln abgewiesen worden war und es nicht mehr ins nächste Krankenhaus nach Tempelhof geschafft hatte. Bei der Frau ist es glimpflich ausgegangen, ihre Tochter ist gesund, aber was, wenn es Komplikationen gegeben hätte? Der Senat, auf den Fall angesprochen, redet sich heraus.

Es ist belegt, dass Frauen, die während und nach der Geburt intensiv betreut wurden, weniger Verletzungen haben und sich anschließend schneller von den Strapazen erholen. Eine gute, persönliche Betreuung durch Hebammen sollte kein Luxus sein, sondern eine Grundausstattung in einem modernen Land. Eigentlich wäre das ein tolles Kampagnen-Thema für den Wahlkampf. Welche Partei macht den Anfang?