Es ist der AfD gelungen, die Öffentlichkeit mit einer lebensfremden und fruchtlosen Debatte in Bann zu schlagen: Man soll sich an der Frage festbeißen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Aber er ist da, in Gestalt von etwa fünf Millionen Sunniten, Schiiten, Aleviten. Die meisten fromm, etliche Kulturmuslime.

Also ist doch die eigentliche Frage, wie diese und die restlichen 75 Millionen in Deutschland zu verträglichen und freundlichen Nachbarn werden. Da die AfD derzeit nicht die Deportation von Muslimen verlangt, könnte man erwarten, dass auch sie diesem Ziel zustimmt. Über die dafür zu erbringenden Taten wird vor lauter Aufregung erst in zarten Ansätzen geredet. Es geht nämlich weniger um Sprachkurse und Wohnungen, Minarette und Muezzinrufe. Es geht um einen Umbau der Beziehungen von Staat und Religion, um den Staat des 21. Jahrhunderts. Es geht um Grundsätzliches, damit die islamischen Glaubensgemeinschaften in Deutschland heimisch werden können.

Abhängigkeit vom türkischen Staat und Ausbleiben einer islamischen Aufklärung

Zwei Haupthindernisse stehen dem entgegen: die direkte, faktische Abhängigkeit vom türkischen Staat und, noch heikler, das historische Ausbleiben einer islamischen Aufklärung. Bisher duldet der deutsche Rechtsstaat, dass in hiesigen Moscheen predigende Imame vom türkischen Religionsministerium bezahlte türkische Staatsbeamte sind, die durch in türkischer Sprache gehaltene Predigten vornehmlich Ausgrenzung statt Integration predigen. So erhält der türkische Präsident Erdogan einen direkten Zugriff auf in Deutschland lebende Türken. Das kann auch für die sich womöglich neu bildenden Gemeinden syrischer und afghanischer Muslime keine Option sein. Dem Zusammenleben in Deutschland dient das gewiss nicht.

Die Zeit ist gekommen, das kulturell vielfältiger werdende Deutschland um der guten Nachbarschaft willen zukunftsfest zu machen. Die islamischen Gemeinden müssen in den Stand gesetzt werden, ihre Arbeit selbstbestimmt, ohne Fernsteuerung zu organisieren. Das setzt ein verlässliches materielles Fundament voraus und dafür ist die Kirchenfinanzierung zu reformieren: Entweder wird das System des Kirchensteuereinzugs ausgeweitet, und die islamischen Gemeinden passen ihre Organisationsformen entsprechend an. Oder ein neues für alle gleichermaßen geltendes Recht tritt an die Stelle des alten. Natürlich ist der Geldstrom aus dem Ausland oder aus der Steuer komfortabel, aber er macht träge. Gewiss hielte eine Umstellung für alle gleichermaßen Zumutungen bereit, aber auch die Chance zur Emanzipation und zu fairen Verhältnissen.

Wissen über Weltreligionen

Ebenso verkorkst wie die Finanzierung ist die Bildung über Religion – wohlgemerkt: nicht die religiöse Bildung. Hier wird – lebensfremd und fruchtlos – um Religionsunterricht oder Ethik gestritten. Das Ergebnis aller Kompromisse ist, dass jeder neuen  Schülergeneration massives Unwissen statt Wissen eingepflanzt wird. Religionslehrer vermitteln Religionsinhalte, Ethik bietet alles Mögliche Weltanschauliche – aber wo erlernen alle Schüler das gesicherte Wissen über alle Weltreligionen? Unter welchen historischen Umständen, getrieben von welchen Kräften mit welchen Folgen entstand wann welches Denken? Die faktischen Gegebenheiten gehören jeweils in den entsprechenden Abschnitt des Geschichtsunterrichts.

Christen sind darin geübt, Bibelaussagen in Zweifel zu ziehen. Muslimen ist das fern, sodass es  schwerfällt, gewaltverherrlichende Teile eindeutig zu verwerfen. Eine muslimische Aufklärung können selbstredend nur Muslime selber in Gang setzen. Das kann und soll der Geschichtsunterricht nicht leisten. Er kann aber alle Schüler  über die ersten koranischen Elemente aufklären, die schon 241 u.Z. aufkamen, 300 Jahre vor dem Wirken Mohammeds, und zwar unter aramäischen und syrischen Christen, die in den Ostiran deportiert worden waren.

Wer die religiösen Erzählungen von der Offenbarung des Koran durch Erzengel Gabriel hören will, von der sexfreien Zeugung des Jesuskindes, den Exodus der Juden aus pharaonischer Gefangenschaft oder den diversen Himmelfahrten – die des Messiasbabys laut Jerusalemer Talmud,  die des Bibel-Christus und die Mohammeds auf seinem Wunderpferd Buraq, der soll das im jeweiligen Religionsunterricht, am besten außerhalb der Schule, tun. Immerhin sind die Legenden durch ihre Wirkungsgeschichte zu eigener Realität gelangt. Der Geschichtsunterricht hat genug Stoff zu vermitteln, der nicht auf Glauben, sondern auf Wissen, nicht auf Bekenntnis, sondern auf Erkenntnis beruht.