Die Kanzlerin beruhigt. Durch Italiens Banken drohe Europa keine neue Krise, sagt Angela Merkel (CDU). Auch der Vorsitzende der Eurogruppe, der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem, bemüht sich, Gelassenheit zu demonstrieren. Er habe volles Vertrauen in die Fähigkeit der italienischen Regierung, das Problem in den Griff zu bekommen.

Glaubhaft wirken solche Aussagen nicht, wenn UniCredit, Monte dei Paschi und Co. faule Kredite im Volumen von 360 Milliarden Euro angesammelt haben. Welche Gefahr von Italien ausgeht, beschrieb gerade der Internationale Währungsfonds in einem Länderbericht mit der Warnung vor einer europaweiten Kettenreaktion. Europa steht wenige Jahre nach der globalen Finanzkrise erneut vor der Frage, wie es mit wackligen Banken umgeht.

Italien kann EU erschüttern

Bei Italien birgt diese Entscheidung schon wegen der schieren Größe Sprengkraft. Als viertgrößte Volkswirtschaft und als Gründungsmitglied hat das Land das Potenzial, die angeschlagene Europäische Union zu erschüttern, politisch wie ökonomisch. Schon deswegen ist Italiens Bankenkrise Europas Bankenkrise. Dies gilt umso mehr, als im ganzen Kontinent die einst mächtigen Institute um ihre Existenz kämpfen.

Seit Anfang des Jahres sackten die Kurse der Bankaktien in Europa um mehr als die Hälfte ab. Die Deutsche Bank spielt gemessen am Börsenwert im Vergleich mit den US-Giganten in der Kreisklasse. Damit ist sie kein Einzelfall. Gebeutelt von niedrigen Zinsen, hohen Kosten und der Konkurrenz durch Digitalkonzerne entfernen sich die Geldhäuser fast überall in Europa immer weiter von ihrer alten Größe und Strahlkraft.

Diese Misere einer Schlüsselbranche dürfte ein Hauptgrund dafür sein, dass die Eurozone so schwer aus dem Tal herausfindet. Bei Italiens Banken kommen hausgemachte Versäumnisse hinzu, die in Deutschland und anderen Partnerländern zu  Recht für Empörung sorgen. Eng verwoben beziehungsweise verfilzt mit der Politik, unterließen es die italienischen Institute, in entspannteren Zeiten ihre Strukturen zu modernisieren und Reserven anzulegen. Auch verhinderte die Regierung die  Bereinigung des Bankensektors, indem sie Unternehmen ohne tragfähiges Geschäftsmodell am Leben erhielt.   

Marode Banken schließen

Was also tun? Italien kommt nicht darum herum, seinen Finanzsektor gründlich aufzuräumen. Dazu gehört unvermeidlich, marode Banken zu schließen. Das ist die mittelfristige Aufgabe. Akut muss die Regierung von Ministerpräsident Matteo Renzi die enorme Unsicherheit bekämpfen, um nicht eine weitere Kapitalflucht und am Ende einen bank run mit Kettenreaktionen in Europa zu riskieren. Da private Investoren dafür keine Mittel bereitstellen werden, geht dies nur mit staatlichen Geldern. Die europäischen Regeln erschweren allerdings eine Rettung auf Kosten der Steuerzahler.  

Nicht noch einmal sollen die Verluste sozialisiert werden. Das ist ein ehrenwertes, sinnvolles Anliegen. In der derzeitigen Bankenkrise wirken die gut gemeinten Regeln aber wie Brandbeschleuniger. Gerade weil die Anleger an den Märkten wissen, dass es kein öffentliches Sicherheitsnetz gibt, ziehen sie noch schneller ihr Geld ab und setzen die wackligen Banken stärker unter Druck. Aus diesem Teufelskreislauf hilft nur eine  pragmatische Politik heraus, während das Beharren auf Prinzipien zielsicher in die systemische Krise führt.

Vorbild USA

Europa sollte sich ein Vorbild an den USA nehmen. Dort mussten die Banken auf Druck der Aufsicht zusätzliches Kapital aufnehmen. Auch vor Teilverstaatlichungen schreckten die Vereinigten Staaten nicht zurück. Zugleich wurden Hunderte Geldhäuser geschlossen. Das führte aus der Bankenkrise heraus, in der das zögerliche Europa weiter feststeckt.

In jedem Fall sollte die EU demonstrieren, dass sie in dieser Zeit an der Seite Italiens steht. Renzi braucht Unterstützung für die schwierige Volksabstimmung im Herbst, die das Regieren und Reformieren in Rom erleichtern soll. Schon heute nehmen viele Italiener Europa wahr als Macht, die ihnen ihr Leben erschwert.

Wenn die EU nun normale Bürger mit Beteiligungen an italienische Banken um ihre Ersparnisse bringt, muss sie sich nicht wundern, wenn nach Großbritannien der nächste Pfeiler wegbricht. Zumindest sollten die EU-Partner Italien erlauben, private Anleger mit begrenztem Vermögen zu entschädigen, wenn Bankenabwicklungen ihre Ersparnisse ruinieren. Wenn die EU eine solche Flexibilität verbindet mit harten Auflagen für die Bereinigung des Finanzsektors, leistet sie ihr Mögliches, um das nächste Desaster abzuwenden.